Pippi Langstrumpf im "71er"-Wagen

31. Jänner 2002, 19:22
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Ilse Aichingers Unglaubwürdige Reisen - Teil 10

Astrid Lindgrens Tod, um die entscheidenden Schattierungen, auf die es ankommt, zu spät (wie derjenige von Marlene Dietrich), verunsichert - ihr Sterben verlief, wie oft, wie leichte Erdbeben, die schweren vorausgehen: Ihre Freunde sagen, sie hätte, entkräftet, ihren Tod herbeigesehnt.

Noch ehe sie ihren Mann auf der königlichen Automobilbahn von Stockholm kennen lernte, hatte sie Hunger von Hamsun gelesen und von Hippolati gehört, der ein englisches Psalmenbuch erfand. Schon Hamsun war realistisch genug, um das Blaue vom Himmel herunterzulügen, einem Himmel, der in Wien selten blauer ist als der Donaukanal: Ich erinnere mich an einen unscharfen Fetzen Blau vor dreiundzwanzig Jahren über dem Dianabad und an wenige und stumme Angler in der Lobau.

Astrid Lindgrens Bruder beteiligte sich an einem Fischereiverband, und sie notiert, dass die Fische das ganz gut überstanden hätten. (Auf ihren langen stummen Reisen waren sie leicht zu töten, aber schwer aus der Bahn zu bringen). Auch Pippi Langstrumpf, Lindgrens berühmteste Entdeckung, hätte das vergnügt festgestellt. Auch den Karlsson vom Dach, der eigentlich Lilienstengel heißt, hätte das nicht gewundert.

Längst hat Pippi Langstrumpf auch Wien erreicht, obwohl sie anarchisch genug ist, um "bei uns" schwer vorstellbar zu sein. Sie könnte mit ihrem Pferd und ihren übernatürlichen Kräften nicht nur die rascheste und frequentierteste Linie 71 - schon im August mit vielen schweren Kränzen unter der Notbremse - überholen. Und es auf dem Rückweg noch rasch mit dem Fröbel-Kindergarten in der Brigittenau versuchen. Auch die Sandsteinfiguren von Karl Hemolah am Kapaunplatz und ihre blinde Riesenhaftigkeit könnten sie kaum erschrecken. Noch weniger das Alter, dem sie ihre Erfinderin nicht ausliefert.

"Sie löscht das Licht", schließt Astrid Lindgren ihre Bücher. Aber Pippi wird leicht wieder erwachen, vielleicht nahe vom Girardipark, am Praterstern oder auf den achteckigen unbequemen Stufen der Spinnerin am Kreuz, zwischen steinernen Krabben und Kreuzblumen. Ruhmeshallen und Weiheräume wird sie nur als Passage verwenden. Am Alszunderbrunnen zum Gedenken an die Wiener Schrammeln wird ihr die Klarinette, "das picksüße Hölzel" des Vierten im Schrammelquartett, rasch zu süß sein.

Sie bleibt - unähnlich ihrer Erfinderin - ein unstetes Genie. Deshalb liebt sie - wie ihre Erfinderin - die Tiere, Affen, Hühner, eben Kletter-und Flattergeister: Diese werden auch für Pippis Schöpferin plädieren, zu deren 80. Geburtstag in Schweden eine "Lex Lindgren" zum Schutz der Tiere erlassen wurde.

Und was sagen die Lindgren kurz nach ihrem Tod und Pippi, die den Lederstrumpf in einen glücklicheren Laufstrumpf verwandelt hat, kurz nach einer ihrer fraglosen Auferstehung? Man sollte Pippi, die Pillen gegen das Erwachsenwerden nahm, das letzte Wort lassen:

"Aber bedenkt mal, wenn ich gerade gelernt habe, wie viele Hottentotten es gibt, und einer davon bekommt Lungenentzündung und stirbt - dann war alles umsonst." - Und damit verlässt sie Wien wieder, das Klappern fremder Sohlen und die Hottentotten der Inneren Stadt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.2.2002)

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