"Ist sie vom Teufel oder kommt sie von Gott?"

1. Februar 2002, 11:49
posten

Karoline Eichhorn spielt Schillers "Jungfrau von Orleans" im Wiener Burgtheater

Wien - Ein lothringisches Mädchen, das ungezählte Nächte lang einzig dem Blöken der ihm anvertrauten Schafe selig hingegeben lauscht, das zur Verlobung nicht taugt und zum Sozialleben der Bauern nichts Nennenswertes beiträgt, hört plötzlich Stimmen. Gott offenbart sich ihm.

Wir sehen das holde Kind sogleich wundersam entrückt: angekommen am Hof eines schwächlichen Thronprätendenten. Wir sehen es daraufhin in einen schimmernden Panzer gehüllt, wie es knöcheltief in englischem Blut watet und das Flehen eines Besiegten mit einem Schwertstreich abrupt beendet.

Schillers kaum jemals mehr gespielte Jungfrau von Orleans erfordert einen wahren Springquell an Wundergläubigkeit: Wer Johanna nicht über den Weg traut, tut recht daran; wer ihre Sendung indes nicht für bar funkelnde Münze nimmt, bleibt mit seiner Skepsis auf dem Theater mutterseelenallein verloren.

Die aus Stuttgart gebürtige, in Hamburg lebende Schauspielerin Karoline Eichhorn wird ab Sonntag das hohe Fräulein im Wiener Burgtheater geben. Denn während Schillers Blankvers wie eine erhabene Planierraupe alle Einwände in den französischen Erdboden stampft, muss hinter dem Gerassel ein rätselhafter Mensch aus Fleisch und Blut erstehen. Oder, wie es die Schaubühnen-erfahrene Frau Eichhorn ausdrückt: "Mensch muss Johanna herunterreißen von ihrem hohen Bedeutungssockel!" Wie schürft mensch aber Fleisch und Blut aus einer Erzfigur?
Regisseurin Karin Beier ist mit dem Rotstift über das Stück gegangen: so weit, so gewöhnlich. Doch was stellt mensch mit einem keuschen, wiewohl fleischlich angefochtenen Kind allen Ernstes an?
Eichhorn, die vorgibt, an der Stickluft in Wien zu leiden, weswegen ein längeres Burg-Engagement in den Sternen steht: "Wir haben bestimmt die Hälfte des Stücks herausgeschmissen. Dieses Hehre, wo es einem die Fußnägel hochzieht - mensch muss weg von jeglicher Ikonisierung."

Es wird also "gebrochen". Mensch knackt Schillers Verspanzer mit dem Langustenbesteck. Mensch fragt, den Donner des 11. September noch im Ohr: "Ist sie vom Teufel, oder kommt sie von Gott? Hier passiert ein permanenter Umschlag. Sie wird instrumentalisiert; mensch bestaunt sie als Närrin. Zudem ist ihr Himmel sehr französisch: Sie tötet berserkermäßig, nur französisches Blut darf nicht fließen." (poh, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.2.2002)

Premiere:
Am 3.2. um 19 Uhr im Burgtheater

Karten:
(01)
51 44 44-4440

Share if you care.