Die Gottesbündlerin

31. Jänner 2002, 21:17
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Karoline Eichhorn spielt Schillers "Jungfrau": "Man muss Johanna herunterreißen von ihrem hohen Bedeutungssockel!"

Wien - Ein lothringisches Mädchen, das ungezählte Nächte lang einzig dem Blöken der ihm anvertrauten Schafe selig hingegeben lauscht, das zur Verlobung nicht taugt und zum Sozialleben der Bauern nichts Nennenswertes beiträgt, hört plötzlich Stimmen. Gott offenbart sich ihm.

Wir sehen das holde Kind sogleich wundersam entrückt: angekommen am Hof eines schwächlichen Thronprätendenten. Wir sehen es daraufhin in einen schimmernden Panzer gehüllt, wie es knöcheltief in englischem Blut watet und das Flehen eines Besiegten mit einem Schwertstreich abrupt beendet.

Wie eine erhabene Planierraupe alle Einwände in den französischen Erdboden stampfen

Schillers kaum jemals mehr gespielte "Jungfrau von Orleans" erfordert einen wahren Springquell an Wundergläubigkeit: Wer Johanna nicht über den Weg traut, tut recht daran; wer ihre Sendung indes nicht für bar funkelnde Münze nimmt, bleibt mit seiner Skepsis auf dem Theater mutterseelenallein verloren.

Die aus Stuttgart gebürtige, in Hamburg lebende Schauspielerin Karoline Eichhorn wird ab Sonntag das hohe Fräulein im Wiener Burgtheater geben. Denn während Schillers Blankvers wie eine erhabene Planierraupe alle Einwände in den französischen Erdboden stampft, muss hinter dem Gerassel ein rätselhafter Mensch aus Fleisch und Blut erstehen. Oder, wie es die Schaubühnen-erfahrene Frau Eichhorn ausdrückt: "Man muss Johanna herunterreißen von ihrem hohen Bedeutungssockel!" Wie schürft man aber Fleisch und Blut aus einer Erzfigur?

Doch was stellt man mit einem keuschen Kind allen Ernstes an?

Regisseurin Karin Beier ist mit dem Rotstift über das Stück gegangen: so weit, so gewöhnlich. Doch was stellt man mit einem keuschen, wiewohl fleischlich angefochtenen Kind allen Ernstes an?

Eichhorn, die vorgibt, an der Stickluft in Wien zu leiden, weswegen ein längeres Burg-Engagement in den Sternen steht: "Wir haben bestimmt die Hälfte des Stücks herausgeschmissen. Dieses Hehre, wo es einem die Fußnägel hochzieht - man muss weg von jeglicher Ikonisierung."

Schillers Verspanzer mit dem Langustenbesteck knacken

Es wird also "gebrochen". Man knackt Schillers Verspanzer mit dem Langustenbesteck. Man fragt, den Donner des 11. September noch im Ohr: "Ist sie vom Teufel, oder kommt sie von Gott? Hier passiert ein permanenter Umschlag. Sie wird instrumentalisiert; man bestaunt sie als Närrin. Zudem ist ihr Himmel sehr französisch: Sie tötet berserkermäßig, nur französisches Blut darf nicht fließen."

Vielleicht sollte man Schillers arme Johanna gerade darum lieben: Sie ist das herrlichste Geschöpf auf Erden; und am Ende, geschunden, geplagt und vereinsamt, nur das allerdümmste Gör.
(poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.02. 2002)

"Jungfrau von Orleans"

3. Februar
Burgtheater
Karten: 01/51 44 44-4440
Premiere: Fr, 1.2., 19 Uhr
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