"Es riecht ziemlich nach Faschismus"

31. Jänner 2002, 20:35
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Mit zunehmendem Unbehagen verfolgen Italiens Künstler und Intellektuelle die Politik der Regierung Berlusconi

Mit zunehmendem Unbehagen verfolgen Italiens Künstler und Intellektuelle die Politik der Regierung Berlusconi. Noch gilt deren Hauptaugenmerk nicht der Kultur, doch Einschüchterungsversuche, Verbalattacken und erste Entlassungen sorgen für ein Klima, in welchem viele sich an den Faschismus erinnert fühlen.

von STANDARD-Korrespondent Gerhard Mumelter aus Rom

Foto: APA
Die "Obszönen Fabeln" von Dario Fo sind ein rein historisches Stück. Doch wenn der Nobelpreisträger im römischen Teatro Olimpico mit zusammengekniffenen Augen den Volkstribun Cola di Rienzo mimt, brandet spontan Beifall auf: Jeder weiß, wer gemeint ist. An acht ausverkauften Abenden zeigt Dario Fo seine wichtigsten Stücke derzeit auf der römischen Bühne.

Dabei erweist sich der 76-Jährige einmal mehr als genialer Komiker und sprachgewaltiger Alleinunterhalter. Auf der Bühne kann Fo dem Phänomen Berlusconi mit Ironie begegnen. Aber wie wirkt sich der neue politische Kurs konkret auf das Kultur-und Theaterleben aus?

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"Machtmissbrauch und
Kultur sind unvereinbar":
Nobelpreisträger Dario Fo
zählt zu den wenigen
Künstlern, die ihre Kritik
an Berlusconi laut äußern.
Wir treffen Dario Fo in der traditionsreichen Libreria Feltrinelli in der Via del Babuino. "Berlusconi selbst hat von Kultur keine Ahnung", urteilt er. "È incolto - er ist ungebildet." Dass der Regierungschef sein Hauptaugenmerk auf Justiz, Wirtschaft und Außenpolitik lege, sei für das Kulturleben vorläufig positiv. Nachdenklich stimmt Fo dennoch das politische Klima nach Berlusconis Wahlsieg. "Es riecht ziemlich nach Faschismus", findet der Nobelpreisträger und verweist auf die Versuche der Forza Italia, das Buch "Dialogo intorno alla Repubblica" des bekannten Philosophen Norberto Bobbio aus mehreren Oberschulen zu verbannen. Für Fo der "beschämende Versuch einer Zensur, die an unselige Zeiten erinnert".


Öffentliche Schelte

Als ebenso bedenklich wertet er den Kreuzzug des Ministers für Telekomunikation, Maurizio Gasparri, gegen politisches Kabarett im Fernsehen. Der rechte Hardliner hatte zuletzt die RAI-Moderatorin Simona Ventura wegen einer harmlosen kabarettistischen Einlage angerufen und vor laufender Kamera regelrecht abgekanzelt. "Wo Satire verboten wird, riecht es nach Regime", so Fo zum STANDARD. "Und dass ein Richter, der über Berlusconi zu befinden hat, bei laufendem Verfahren versetzt wird, hat zwar nicht direkt mit Kultur zu tun. Aber Machtmissbrauch und Kultur sind unvereinbar", findet der Nobelpreisträger.

Unter den Kulturschaffenden herrscht Unbehagen - und eine gewisse Desorientierung. Deutlich greifbar war diese Stimmung am Dienstag in Rom bei der Präsentation des Pariser Buchsalons, auf dem Italien im März Ehrengast ist. Der Staatssekretär im Kulturministerium, Vittorio Sgar- bi, nutzte die Gelegenheit zu einem Rundumschlag gegen "linke Autoren" und attackierte die französische Kulturministerin Catherine Tasca wegen ihrer Berlusconi-kritischen Aussagen.

Betreten und mit gesenktem Kopf saß der Vorsitzende des französischen Verlegerverbands, Serge Eyrolles, daneben. Die peinliche Stimmung wuchs, als Sgarbi betonte, dass Berlusconi über einen Doktortitel verfüge, der frühere Kulturminister Walter Veltroni nicht.

Seit Monaten nutzt der geschwätzige Kunsthistoriker Sgarbi jeden öffentlichen Auftritt zu vollmundigen Ankündigungen. Doch nennenswerte Taten hat die Rechtsregierung in der Kulturpolitik bisher nicht folgen lassen - sie tendiert eher zur Vorsicht. So warten die Filmschaffenden gespannt auf das versprochene Förderungsgesetz. Dass der erfolgreiche Leiter der Scuola Italiana Cinema trotz unbestrittener Erfolgsbilanz abgesetzt wurde, wird in der Szene als schlechtes Omen gewertet. "Mein einziger Fehler liegt darin, nicht rechts zu sein", kommentiert Lino Miccichè seinen Rauswurf aus Europas ältester Filmschule.


Postenumverteilung

Gefeuert hat Kulturminister Giuliano Urbani auch den Biennale-Präsidenten Paolo Baratta. "Ich will in Venedig nicht nur Videos und krumme Nägel sehen", so der Minister lakonisch. Gegen den Widerstand der Alleanza Nazionale ernannte er Franco Bernabé zum neuen Biennale-Leiter. Der frühere Telecom-Chef gilt nicht als Berlusconi-Sympathisant. Gespannt wartet man jetzt auf seine erste Amtshandlung: die Absetzung von Harald Szeemann als Leiter der Kunstbiennale.

Mit noch größerem Interesse blickt die Kulturszene auf die in zwei Wochen fällige Erneuerung der RAI-Chefetage. Den fünfköpfigen Verwaltungsrat bestimmen die Präsidenten von Kammer und Senat, die erstmals beide dem Rechtsbündnis angehören. Dass anschließend Köpfe rollen, gilt als sicher. Die vom zuständigen Minister Gasparri geforderte "radikale Säuberung" dürfte wohl ausbleiben. Im Internet hat Gasparri aber immerhin bereits eine Liste missliebiger Journalisten und Programmgestalter publiziert.


Schneller Gehorsam

Und RAI-1-Programmchef Agostino Saccá hat in vorauseilendem Gehorsam schon die Einstellung der kritischen Sendung Il Fatto von Enzo Biagi angekündigt. Nicht nur der 82-jährige Starjournalist wertet das als Zeichen einer "Diktatur, die auf sanften Pfoten daherkommt".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.02. 2002)

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