Tanzkurs

28. Februar 2002, 13:40
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+ + + PRO

Ljubisa Tosic

Richtige Männer wissen, was jetzt kommt! Letztlich ging es für uns Pubertätsopfer nur um den Ausbruch aus dem elterlichen Kerker. Aus dem einzig zureichenden Lebensgrund jener Willkommen-Barthaar-Tage: der Kontaktnahme mit Magda, Marlene, Monika, Sandra, diesen undurchschaubaren Wesen. Das duldete keinen Aufschub. Wer wollte wie Travolta vor dem Spiegel immer bis Samstagabend warten? Unter der Woche Ausgang zu bekommen, war indes unmöglich. Kerkermeister Mutter hatte ein gutes Gespür für windige Ausbüchserklärungen. Dann aber schenkte uns Gott den Tanzkurs und damit Mutters Nachlässigkeit! Wenn man spät heimkam, fragte sie nur, ob man es mit der Perfektion nicht etwas übertreibe. Ach, Mama!

Natürlich gab es einiges zu ertragen - man hörte ja eher Led Zeppelin und James Brown. Nur durch atlashafte Leidensfähigkeit überstand man die Standardtanzfolter (Cha-Cha-Cha, Paso doble, Quickstep). Und zweifellos verfluchte ich meinen Freund Harald W., der keinen Kurs brauchte! Dem Schüchtern-Schönen rannten die Mädels in den Pausen zwischen Latein und Deutsch nach. An mir vorbei! Das waren symbolische Entmannungen, die erhöhten Quickstep-Scheinkonsum forderten. Ich hätte ja auch rhythmisches Sackhüpfen gelernt, nur um Magda - oder hieß sie Sandra? - nahe zu kommen. Der Druck war also groß. Scheintanzen war Stress. Musste aber sein. Eine Pause bot immerhin die Damenwahl! Da bekamen sie nasse Hände und erfuhren, warum wir das Geschlecht mit der geringeren Lebenserwartung sind.

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- - - CONTRA

Gerhard Plott

So war das nämlich: Kurz nach der Vertreibung aus dem Paradies trottete Eva, vormals bekannt als "Die Rippe", neben Adam einher, der sich in den lauschigen Garten Eden zurücksehnte. Es nieselte vom grauen Himmel, warme Wäsche war noch nicht erfunden, beide froren.

Da sprach das Weib: "Her mit dir, Mann, schmiegen wir uns in rhythmischen Bewegungen aneinander, auf dass sich unser Blut erhitze." Adam, dieser triebgesteuerte Depp, dachte zuerst natürlich an etwas ganz anderes, doch Eva übernahm die Führung und lehrte Adam, was zu tun war: Bein vor und Wie-ge-schritt, Bein zurück und Wie-ge-Schritt - das Unheil nahm seinen Lauf, seither gibt es Erbsünde und Tanzkurs. So war das, wirklich.

Folgerichtig tanzen wir armen Sünder heute noch sinnlos vor uns hin. In überfüllte Säle gepfercht folgen wir gnadenlosen Befehlen wie "Alles Walzer", und schon wird unter sträflicher Missachtung der eigenen Unbeweglichkeit rotiert. Strafverschärfend hat das Böse dazu noch das Procedere der "Aufforderung" durch völlig Fremde ersonnen, bei der oft wahlweise olfaktorische Attacken der Gefahrenklasse Chat Noir oder Pitralon drohen. Und einmal "zum Tanz aufgefordert" - wer denkt da nicht automatisch an Fehdehandschuh und Duell - gibt es kein Entkommen, dazu sind die Säle zu klein.

Warum tun wir uns das also an? Keine Ahnung, fragen Sie doch besser Eva oder Adam, den Depp.

derStandard/rondo/1/2/02

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