Wiener Chirurg Wolner kritisiert "Pharisäerei" in der Debatte

31. Jänner 2002, 15:31
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"Wer die Fristenlösung akzeptiert, hat meiner Meinung nach sein moralisches Recht verwirkt, große Restriktionen für die Forschung mit embryonalen Stammzellen zu fordern"

Wien - "Jährlich landen Tausende abgetriebene Embryonen im Abfall oder sonst wo, aber um das Schicksal von embryonalen Stammzellen machen sich viele Leute plötzlich ernsthafte Sorgen - ich verstehe das ganze Theater nicht", kritisierte der Wiener Chirurg Ernst Wolner die derzeitige Diskussion um die Verwendung von embryonalen Stammzellen zu Forschungszwecken. An Wolners Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie der Universitäts-Klinik für Chirurgie wurden im Vorjahr vielbeachtete Therapie-Versuche mit adulten Stammzellen nach Herzinfarkten unternommen.

Wolner wandte sich gegen die am Dienstag im deutschen Bundestag gefällte Entscheidung, wonach der Import von embryonalen Stammzellen nach Deutschland unter bestimmten Auflagen erlaubt ist. Für den Chirurgen ist eine solche Entscheidung "Pharisäerei". Man verbietet zwar die Herstellung solche Zellen, erlaubt aber den Einkauf solcher Zellen aus anderen Ländern. Andererseits würden laufend bei der künstlichen Befruchtung angefallene Embryonen in frühen Stadien, die zu Forschungszwecken umprogrammiert werden könnten, sowohl in Deutschland wie auch in Österreich einfach "weggeschmissen".

"Wer solche Praktiken und die Fristenlösung akzeptiert - und das ist wahrscheinlich die Mehrheit der Bevölkerung - hat meiner Meinung nach sein moralisches Recht verwirkt, große Restriktionen für die Forschung mit embryonalen Stammzellen zu fordern", so Wolner. Von einer generellen Freigabe der Forschung an embryonalen Stammzellen hält der Mediziner allerdings auch nichts. So gelte es, etwa das Duplizieren von Menschen von vornherein zu unterbinden.

Der Mediziner schlägt vor, die Forschungen an embryonalen Stammzellen frei zu geben, diese Freigabe aber etwa auf drei Jahre zu befristen. Dann sollte der Stand der Dinge genau durchforstet und die Regelungen wenn nötig angepasst werden. (APA)

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