Wiener Gesundheitsstadträtin Pittermann warnt vor moralischem Druck auf Schwangere

31. Jänner 2002, 15:20
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In Frauenzeitschriften wird bereits für "Hamstern" von Nabelschnurblut nach der Entbindung geworben

Wien - Private Unternehmen bewerben die Konservierung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut von Neugeborenen. Doch laut der Wiener Gesundheitsstadträtin und Hämatologin Elisabeth Pittermann sowie von weiteren Experten werden damit zum Gutteil derzeit noch zu große und vor allem verfrühte Hoffnungen geweckt. Dies erklärten sie am Donnerstag bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

"Wir Hämatologen haben schon sehr lange und sehr intensive Erfahrungen mit Stammzellen. Wir wissen auch, wie man mit ihnen umgehen kann. Wir warnen aber davor, falsche Hoffnungen zu erwecken, oder dass Druck auf Menschen ausgeübt wird für eine Hoffnung, die noch sehr vage ist", erklärte Pittermann.

Bedenkliche Werbung

Konkret geht es darum, dass beispielsweise in Frauenzeitschriften bereits von Instituten dafür geworben wird, dass Schwangere für entsprechendes Honorar unmittelbar nach der Entbindung Nabelschnurblut - so zu sagen als "Vorsorge fürs Leben", für "Organreparatur", nach Chemo-, Krebs- oder gar für eine (allfällige, Anm.) Gentherapie - für das Kind gewinnen und dann die darin enthaltenen Stammzellen einfrieren lassen sollen. Was Pittermann am meisten stört: "Ich begrüße jede Forschung mit Stammzellen, aber ich bin nicht bereit anzuerkennen, dass man Schwangere moralisch unter Druck setzt, indem man sagt 'Sie haben eine einmalige Chance auf Vorsorge für ihr Kind'."

Laut Univ.-Prof. Dr. Hildegard Greinix, Knochenmarktransplantations-Expertin am Wiener AKH, sind die Einsatzgebiete für Stammzellen aus dem Nabelschnurblut derzeit noch minimal: "Wir haben in Österreich bisher an Erwachsenen und Kindern rund 3.000 Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantationen durchgeführt. Davon bekamen rund 1.000 Patienten Fremdspenden, zwei Drittel ihr eigenes Knochenmark. Wir haben bisher nur sieben solcher Transplantationen mit Zellen aus Nabelschnurblut durchgeführt, drei mit Spenden aus der Familie und vier von Fremdspendern."

"Schlechte Alternative"

Somit seien seit dem Aufkommen der Möglichkeiten, die sich aus den Stammzellen aus Nabelschnurblut ergeben, nur 1,3 Prozent der Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantationen auf diese Weise durchgeführt worden. Hildegard Greinix: "Wir haben derzeit viel bessere Quellen (für Stammzellen, Anm.) von Familien- oder Fremdspendern. Beim Nabelschnurblut ist das Hauptproblem die nur geringe und limitierte Zahl von (enthaltenen, Anm.) Stammzellen." Man könne derzeit bestenfalls Kinder bzw. Personen bis zu 45 Kilogramm Körpergewicht damit therapieren. Die Stammzellen aus Nabelschnurblut seien daher eine sehr schlechte Alternative. Die Expertin: "In den nächsten Jahren wird es zu keinem Boom bei Nabelschnurblut kommen." (APA)

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