Alle tun es

6. Februar 2002, 01:38
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Man liebt ihn oder hasst ihn: Sisley liebt ihn und wirbt seit 1997 mit dem Pseudo-Porno-Trashlook des Fotografen Terry Richardson

Was sind gute Fotografien? Solche, die bei dir bleiben, dich verfolgen, sagt Terry Richardson. Er produziert jedenfalls solche Bilder, an die sich viele enorm vergnügt oder extrem verärgert erinnern. Dazwischen gibt's wenig. "Mittelmäßigkeit ist das Schlimmste auf Erden" meint der 36-Jährige, der aussieht wie ein mindestens 50-jähriger, etwas neurotisch-linkischer Jason-King-Wiedergänger.

Da kann es auch passieren, dass obiges Zitat über seinem Riesen-Foto steht, mit dem nackten Fotografen höchstselbst, wie ein Centerfold auf einer US-Flagge posierend. Wie unlängst in Florenz bei der Ausstellung der Fotos, die Richardson in Zusammenhang mit den seit 1997 laufenden Kampagnen für die italienische Modemarke Sisley (gehört zum Benetton-Konzern) geschossen hat, die aber das Unternehmen und dessen Creative Director als nicht plakatmäßig veröffentlichbar aussonderten.

Gern setzt er sich selbst ins Licht, mit seinen (aufgesetzten) Strizzi-Attitüden und billigen Tattoos. Besondere Kennzeichen: Brille und Schnauzer, Marke Moustache, den er nach eigenen Angaben trägt, seit er vier ist: "Ich war schon sehr früh reif". Deshalb vielleicht hat er die Schule an der Westcoast ungern besucht? Dafür ist er lieber mit Rockbands herumgezogen. Falls es nicht stimmt, ist es wenigstens gut fürs Image. Und da ist der Untertitel zum Ausstellungskatalog mit den Fotos, die Sisley too much waren für die Kampagne, perfekt dazugeschneidert: "This is not a Fashion Shoot. This is Rock'n'Roll." Und heutzutage verbrieft Rotzigkeit und Schimpftiraden sogar der Kreativdirektor des eigenen Unternehmens persönlich. "Fuck You Sisley!" prangt Pink auf Schwarz - auf Plakaten, Einladungen, Pressemappen. Diffamierung zur Erhöhung des Coolness-Quotienten. Soweit kann Branding gehen.

Aber die Sache mit dem Rock'n'Roll unter besonderer Berücksichtigung des Punkrock stand laut Fama auf Terrys Wunschliste ganz oben. Erst Mitte der 20er-Jahre begann er zu fotografieren, nicht "studiert", sondern mit der einfachsten Kamera - und Punkt. Für eine Hamnett-Kampagne zog er nach London, und dort schätzten die Magazine Face, I-D, Vogue oder Harper's Bazaar - und Sisley-Kreativdirektor Nikko Amandonico - seine Bildsprache. Sie wirkt immens britisch, kaum amerikanisch. Terry schüttelt den Kopf: "Warum halten mich die meisten für einen schwulen Engländer?"

Gerne integriert der fernab von Kameras eher schüchtern wirkende Superstar auch sich selbst in die Aufnahmen. Sie wirken keinesfalls so gefühlsduselig wie die Intimitäten der Nan Goldin, neben Larry Clark dennoch wesentliche Impulsgeberin seiner - seit einigen Jahren auch in New Yorks In-Galerien verkauften - Kunst.

"Ich könnte wahrscheinlich nicht ohne Kamera leben", grinst Terry und rutscht ungeduldig in der Couch einer zugigen Florentiner Hotellobby herum, zerstückelt die für italienische Verhältnisse desaströse Mini-Pizza. Zwischen den Bröseln die typischen you know, kind of, an' something-Füllwörter: "Ich fotografiere auch meine Freunde die ganze Zeit und auch leere Landschaften. Ich bin manchmal recht schwermütig."

Der Rest der Welt kennt - vorerst, wahrscheinlich bis zum Erscheinen eines Taschen-Bandes dieses Jahr - allerdings nur etwas, für das Richardson, übrigens Sohn des berühmten Modefotografen Bob Richardson, zu einem der begehrtesten zeitgenössischen Modefotografen macht. Mit seinem harten, schonungslosen, politisch unkorrekten Stil, seinem nihilistischen Pseudo-Porno-Trashlook hat er sich derzeit in sämtliche Hitlisten und Lifestyle-Magazine katapultiert. Mittlerweile zwar auch mit aufwendigeren, perfekt ausgeleuchteten Fotos (zum Beispiel für Gucci), ursprünglich aber mit Instamatic-Schüssen, voll rotgeblitzter Augen und Schmuddel-Look.

"Fehler sind so nett", sagt Richardson, der von Amateurfotos und home-made-Produktionen fasziniert ist: "In jedem von uns steckt ein kleiner Pornostar". Bei Richardson sehen selbst Supermodels "menschlich" aus, er zeigt nachgewachsene Schamhaare und retuschiert Wimmerln nicht weg.

Nie hat jemand den jämmerlich-schönen Sex in freier Wildbahn so treffend ins Bild gerückt wie Terry, der einen mit Heu und Gras bedeckten Frauenpo und Männeroberschenkel zeigt.

Ehrlich und simpel findet der New Yorker diese Art zu fotografieren, obwohl vieles "Spontane" perfekt arrangiert ist. Nicht umsonst machen neorealistische Filme wie Accatone, Pasolinis Schwarz-Weiß-Geschichte eines Vorstadt-Stricherjungen, größten Eindruck auf den Fotografen. Simpel, und trotzdem sind diese Fotografien, auch in die Nähe die ungeschminkten Shots eines Jürgen Teller zu rücken, wieder extremer "Style". Der von Sisley gewinnträchtig vermarktet wird.

Mit der überzeichneten Porno-Ästhetik, die - etwa bei einer milchbespritzten Heidi im Stall - nur selten ins Pubertär-Peinliche driftet, ist Richardson dabei nicht alleine. Die Pop-Kultur der jüngsten Zeit greift gerne auf das Genre zurück, allerdings auf Produktionen der 70er-Jahre, um den "Camp-Faktor" noch mehr in die Höhe zu treiben. Man denke nur an das Musikvideo der Briten Add N To (X), in dem wohlbehaarte, goldbebrillte Männer und willige Girls eine Badelandschaft zum Dampfen bringen.

Die meisten Fotos Terry Richardsons reizen zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln. Wenn etwa ein angeblitzter Hahn durchs Bild wackelt oder Blow Jobs mit Eislutscher karikiert werden. Eines der wichtigsten Dinge im Leben, sagt Terry, ist Humor. Das sieht man auch, und dafür mögen wir ihn. Helmut Newton mag ihn übrigens auch, angeblich als einzigen.

Gerne betont man offiziell den Spaß, den alle hatten bei den Shootings zu Farm Life, dem Thema der Herbst-Wintersaison, oder etwa bei Hollywood Hills, wo sich der Alltag zweier Pornodarsteller und ihrer Freundinnen ausbreitet. Das jeweilige Thema hecken Terry und Nikko aus. Die Optik der Sisley-Kleider ist Richardson naturgemäß egal. Er soll sie ja nur anders bewerben.

Warum denn immer wieder Sex, Terry? Flapsige Antwort: "You know, nahezu jeder hat es zumindest einmal getan, also kann auch jeder was damit anfangen." Kind of. Doris Krumpl []

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