Spiegel des Augenblicks

31. Jänner 2002, 13:12
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Interview mit der Fotografin Inge Morath anlässlich ihrer Ausstellung und Ehrung in Wien 1999

"Das Leben als Fotografin" gestaltet sich bei Inge Morath vielfältig und meistens, seit Mitte der 50er, im Dienste der Magnum-Fotoagentur. Marilyn Monroe oder Giacometti zählten zu ihren Motiven. Anläßlich der Ausstellung in der Kunsthalle Wien/Museumsquartier führte Doris Krumpl ein Gespräch mit der Emigrantin.


Wien - Sowenig die quirlige, gertenschlanke Dame dem gängigen Klischee von einer über Siebzigjährigen entspricht, so wenig klischeehaft sind auch ihre Fotografien. Sogar New York, dem x-fach reproduzierten Weltnabel, ringt Inge Morath neue, unverbrauchte Bilder ab. Die gebürtige Grazerin, seit den sechziger Jahren nach ihrer Heirat mit Arthur Miller amerikanische Staatsbürgerin, hat über die die Stationen Wien, Berlin Paris, London, USA seit den 50ern - nach ihren Anfängen als Journalistin für den den Radiosender Rot-Weiß-Rot - für die Agentur Magnum Fotos geliefert.

Am Donnerstag nachmittag erhält Morath die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold. Die Kunsthalle Wien im Museumsquartier (Eröffnung Donnerstag, 19 Uhr) führt durch unterschiedliche Werkgruppen Moraths: Von den berühmten Misfits-Back- stagefotos über die seltene Iran-Serie, New-York-Bilder bis zu Porträits berühmter Personen.

Inge Morath: Es sind keine Auftragsportraits. Ich fotografiere die Menschen, die mich interessieren. In Wien waren es H. C.Artmann und Friederike Mayröcker.

DER STANDARD: Wie beurteilen Sie den Stellenwert der Fotografie - vom rein dokumentarischen Medium bis hin zur Bewertung als Kunst?

Morath: Fotografie ist immer mehr Galerie. Prinzipiell bleibt alles das gleiche, nur wird es anders verwertet. Das Ärgste ist, wenn jemand sich einbildet, daß er speziell etwas für eine Galerie macht.

DER STANDARD: Wie schätzen Sie die neue, digitale Fotografie ein?

Morath: Hochinteressant, aber ich wende sie nicht an. Ich kenne mich aber gut dabei aus, auch bei den Neuen Medien wie Internet. Ich verspüre aber keine Lust Personen zusammenzumanipulieren, die einander nicht ausstehen können.

DER STANDARD: Wann ist ein Bild ein gelungenes Bild?

Morath: Wenn es mir gelingt von einer Situation, über die ich etwas sagen möchte, genug Elemente davon einzufangen, die dann erklären: Das war so, das ist ein Statement. zum Beispiel ein Bild von einem US-Schönheitssalon der 50er Jahre, wo Frauen lernen, wie man noch schöner wird. Das Foto offenbart für mich die folie humaine. Es war nicht einfach, diesen Augenblick zu bekommen, obwohl das Foto einfach aussieht. Daß ein gewisser Stil drin ist, ein Moment, eine Bewegung. Das gilt auch allgemein für meine Arbeit.

DER STANDARD: Daher rührt auch Ihre Konzentration auf nichtinszenierte Fotografie.

Morath: Starre Standposen, Stills, haben mich nicht interessiert - für meine Arbeit. Helmut Newton liebe ich dafür. Auch auf große Events bin ich nicht neugierig. Der Alltag bringt viel Spannenderes mit sich, er ist das Leben, es ist wirklich.

DER STANDARD: Wieso haben Sie nie bei Kriegen fotografiert?

Morath: Ich war zuviel im Krieg. Flüchtlinge ja: Ich hab in Gaza viel gemacht, und auch jetzt in Bosnien. Aber so Halbtote, nein, nicht ich - ich weiß es ist generell notwendig, ich sehe es ein. Aber in dem Fall würde ich da eher beim Roten Kreuz mitarbeiten wollen.

DER STANDARD: Gibt es Themen, die Sie noch gestalten wollen?

Morath: New York, immer wieder, da gibt es die unglaublichsten Sachen. Die Stadt gehört von Beginn an zu den Konstanten in meiner Arbeit. Und es sind immer die Menschen, die ich zeige. Diese selbstbewußte Farbige, die ich vor einem Spiegelrahmen in einem Frisiersalon aufgenommen habe und aristokratisch wirkt, dies wäre in den 50ern noch unmöglich gewesen. Louise Bourgeois, eine wunderbare Künstlerin, begleite ich schon lange mit meinen Fotos. Berlin, eines meiner nächsten Reiseziele, könnte sich auch als interessant erweisen.

DER STANDARD: Was verbinden Sie noch mit Wien?

Morath: Die Zeit nach dem Krieg, in den 50er Jahren. Ich kannte Ingeborg Bachmann, Hans Weigel und viele andere. Ich liebe meine alte Heimat, und ich habe nicht lange genug darin gelebt, um sie nicht zu lieben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.06.1999)

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