Experten nach US-Zinsentscheid: Zinssenkungszyklus beendet

31. Jänner 2002, 13:10
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"USA bald wieder Konjunkturlokomotive"

Wien - Nach der gestrigen Entscheidung der US-Notenbank Fed, die Leitzinsen unverändert zu lassen, sehen heimische Finanz- und Volkswirtschaftsexperten nun den Zinssenkungszyklus in den USA für beendet und das Konjunkturtal als durchschritten an. Die USA werde wieder die Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft und auch Europa und Österreich mitreißen, heißt es. Zuvor hatte die Fed seit Anfang 2001 elf Mal den wichtigsten Leitzinssatz für Tagesgeld um insgesamt 4,75 Prozentpunkte auf 1,75 Prozent - den tiefsten Stand seit 40 Jahren - gesenkt. Das nächste Zinstreffen findet am 19. März statt.

"Die volkswirtschaftlichen Daten während der nächsten Monate werden eine weitere Stabilisierung der US-Konjunktur bei moderatem Wachstum zeigen", ist Erste Bank-Experte Rainer Singer überzeugt. RZB-Experte Valentin Hofstätter erwartet die erste Zinsanhebung in den USA erst wieder für das Ende des dritten Quartals.

Wieder Konjunkturlokomotive

"Die USA werden, wie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, schon in den nächsten Monaten wieder die Rolle der Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft übernehmen", zeigt sich IHS-Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer überzeugt. Das Wiener Institut für Höhere Studien (IHS) sieht das Konjunkturtal in den USA als durchschritten an und rechnet mit einer weiteren Stabilisierung der US-Konjunktur im ersten Quartal und einem spätestens im zweiten Quartal einsetzenden Aufschwung.

Die Integration der Weltwirtschaft sei in den vergangenen Jahren so weit fortgeschritten, dass die Konjunktur in den USA und in Europa weitgehend synchron verläuft. Daher sieht das IHS auch für Europa, insbesondere für die stark vom Export abhängige Wirtschaft Deutschlands, Licht am Ende des Konjunkturtunnels. Auch die österreichische Konjunktur werde sehr bald ebenfalls Zeichen einer wirtschaftlichen Belebung zeigen, ist das IHS überzeugt, das unverändert eine BIP-Wachstumsrate in der Größenordnung von 1,75 Prozent im Jahr 2002 für das wahrscheinlichste Szenario hält.

Risiko Aktienmarkt

Risken für die weitere US-Konjunkturentwicklung sieht das IHS in der zuletzt wieder drastischen Überbewertung der US-Aktienmärkte, die selbst bei einer moderaten Erholung der Unternehmensgewinne ein konjunkturell relevantes Korrekturpotenzial aufwiesen.

Nach der gestrigen Zinsentscheidung sei es auf Grund der begleitenden positiven Kommentare zur Konjunktur zu einem leichten Rendite-Anstieg gekommen, berichtet die RZB weiter. Und schon deutlich vor der ersten Zinsanhebung im Herbst werde der Rentenmarkt beginnen auf Zinsanhebungen zu spekulieren. Das RZB-Ziel für die 10-jährige Staatsanleiherendite in den USA bleibt bei 5,20 Prozent für Ende März und 5,50 Prozent für Juni.

Der Euro werde durch die raschere und zumindest in den Anfängen relativ kräftige Konjunkturerholung in den USA in den kommenden Monaten aber weiter schwach bleiben und sich seitwärts bewegen. Aufwärtspotential für den Euro sieht RZB-Experte Hofstätter erst in der zweiten Jahreshälfte 2002.

Für den Aktienmarkt kämen die jüngsten Konjunkturindikatoren in Verbindung mit der Haltung der Fed durchaus gelegen. Im Verlauf des Jahres spreche damit weiterhin alles für zumindest moderate Kursanstiege. Kurzfristig seien die Aktien aber noch von Sorgen bezüglich der in einigen Branchen hohen Bewertungen sowie Unbehagen gegenüber den Bilanzierungsgewohnheiten mancher Unternehmen nach der Enron-Pleite belastet. Kursrückschläge würde die RZB zum Positionsaufbau nutzen. (APA)

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