Diplomarbeit über illegale Praktiken wurde ausgezeichnet

31. Jänner 2002, 10:54
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Seit dem Jahr 2000 liegt der wissenschaftliche Bericht auf

Linz - Eine wissenschaftliche Arbeit über illegale Praktiken in der internationalen Transportwirtschaft - Umgehung von EU-Sozialvorschriften und Nichteinhaltung von kollektivvertraglichen Vereinbarungen - liegt bereits seit 2000 mit einer am Institut für Soziologie der Linzer Johannes Kepler Universität eingereichten Diplomarbeit vor.

Praktiken seien bekannt

Die nunmehr berichteten Praktiken im Güterverkehrsgewerbe seien in der "Szene" allgemein bekannt, bisher sei aber niemand bereit gewesen, offen darüber zu reden. Das Kernübel sei der extreme Anstieg an Konkurrenzdruck im Transportsektor seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union, schildert Reisinger in seiner Diplomarbeit "Unterm Rad. Arbeitsbedingungen im internationalen Straßengüterverkehr untersucht anhand einer teilnehmenden Beobachtung", die auch mit dem Wissenschaftspreis der Arbeiterkammer Oberösterreich ausgezeichnet wurde.

Bei zwei österreichischen Firmen angeheuert

Der Autor war bereits vor seinem Studium im internationalen Fernverkehr als Fahrer tätig. Für die Diplomarbeit heuerte er aber noch einmal bei zwei österreichischen Firmen an und spulte für sie in rund drei Monaten an die 56.000 Kilometer - das entspricht dem 1,25-fachen Erdumfang - am Steuer mehrerer Lkw ab. In einer Lenkzeit von 770 Stunden und einer Einsatzzeit von 1.180 Stunden fuhr er Italien, Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Slowenien, Spanien und Portugal an.

Wochenendruhe werde nicht kontrolliert

Seine Recherchen ergaben, dass der "abenteuerliche Hauch" dieses Berufsstandes nur selten zu Recht bestehe, vielmehr werde die Verantwortung der Fahrer für Millionenwerte von Lkw und Ladung sowie ihr Beitrag zum Funktionieren der Wirtschaft weder finanziell noch mit hohem Ansehen gewürdigt. Zum Beweis dafür protokollierte er penibel seine Arbeitstage und bewahrte auch illegale Betriebsvereinbarungen auf. Mehr als die Hälfte seiner Arbeitswochen wiesen 60 bis 80 Stunden Einsatzzeit auf, es gab aber auch welche mit mehr als 100 Stunden, also ein Verstoß gegen die EU-Sozialvorschriften. Vor allem die Einhaltung der Wochenendruhe werde nahezu in ganz Europa nicht kontrolliert.

Kollektivverträge

Doch nicht immer seien diese geleisteten Arbeitszeiten laut Kollektivvertrag bezahlt worden. Er bekam beispielsweise in einem Monat brutto 20.000 Schilling plus 17.000 Schilling Diäten. Ihm wären jedoch 30.600 plus 11.000 S Diäten zugestanden, berechnete die zuständige Gewerkschaft Handel, Transport, Verkehr auf Grund seiner Aufzeichnungen. Die höheren Diäten haben zur Folge, dass vom Lohn weniger Steuer abgezogen wird. Dieser Vergleich sei ein Beweis dafür, dass von Unternehmen in dieser Branche die kollektivertraglichen Vereinbarungen nicht nur verletzt, sondern mit dem Wissen aller Beteiligten ignoriert würden, analysiert Reisinger. Der "Betrug" der Unternehmer an den Fahrern, aber auch der "Betrug" gegenüber dem Staat und der Solidargemeinschaft, verkörpert durch die Sozialversicherungsanstalten und das Finanzministerium würden damit offengelegt.

Der Uni-Absolvent berichtet auch über die "Freizeit" der Fernfahrer, die meist aus Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Schlafen besteht. Während dies beim Großteil der Berufstätigen keine Probleme bereitet, müssen die Kapitäne der Landstraße große Fantasie dafür entwickeln, wenn sie etwa drei Tage an einer Grenze auf die Zollabfertigung warten und es dort weder fließendes Wasser noch eine Toilette gibt.(APA)

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