Tischmistkübel & Soulfood in Lech

4. Februar 2002, 14:10
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Trotz voller Betten und ebensolcher Kassen droht Lech am Arlberg das Image eines elitären Pensionistenclubs

Tischmistkübel. Manche Dinge kommen wieder. Tischmistkübel zum Beispiel. Insignie der Spießigkeit. Unding und Erinnerung. Obertauern. Flachau. Ramsau. Vor langer Zeit: Der Gast war kein Gast, sondern Fremder. Einer der zahlt, aber doch stört. Darum schlief er im "Fremdenzimmer" - und bekam Tischmistkübel. Zur Belehrung. Letzte Woche war er wieder da. Obwohl er niemandem gefehlt hat. Es war in Lech. Er war aus Porzellan - und hat eigentlich nichts mit dieser Geschichte zu tun.

Beinahe: Das Dilemma des Urs Kamber beschreibt er schon ein bisschen. Kamber ist Direktor des Lech-Zürs-Tourismus. Und hat es nicht leicht. Dazu später.

Lech ist sehr o.k. Trotz des Tischmistkübels. Ein feiner Ort. Zum Skifahren sowieso. Das braucht man nicht zu erwähnen. Sagen die Lecher. Und reiten dann darauf so herum, als ob man übersehen könnte, dass hier eine Menge Schnee herumliegt, der sich hervorragend dazu eignet, überall anders als auf 400 Kilometern Piste befahren zu werden.

Das Blöde an Lech ist, dass es halt Lech ist. Und wenn Sie jetzt nicht wissen, was das heißen soll, fragen Sie ihre snowboard- und funverrückten Kinder. Tolle Bergkulisse? Traumhafte Hänge? Naturerlebnis und Sport in einem harmonischen Verhältnis? Hotels, die den Sprengmeister in Ihnen nicht wachküssen?

Darum geht es nicht. Nicht, wenn Sie der junge Konsument von heute sind, der - bitte - auch morgen wieder kommen soll. Weil es zwischen 16 und 22 wurscht ist, wie schön Hänge tagsüber sind, wenn man am Abend nicht abfeiern kann. Und das geht in Ischgl, dem Ballermann des Wintersports, besser.

Das ist nicht schlecht? Aus dem Alter sind Sie ja raus: Es war lustig. Es war schlimm. Es war normal. Das wissen auch die Lecher und wünschen jedem 17-Jährigen viel Spaß. In Ischgl.

Aber wie kriegen Sie Leute, die mit Mama, Papa und Oma so lange nach Lech gekommen sind, bis ihnen in den paar Stadl-Discos so fad wurde, dass sie reif für Ischgl waren, nach Sex & Drugs & Rock'n'Roll zurück?

Noch dazu, wenn Sie immer noch Tischmistkübel aufstellen? Der steht nämlich für "Urlaub mit den Eltern". Für den Charme ranziger Butter: für "alt". Und deswegen für Urs Kambers Problem.

So alt ist man nämlich nie, dass man auf den Ruf, in einen Ort zu fahren, an dem alles ist, wie es ist, weil es bleibt, wie es war, Wert legen würde. "Urlaub, wie ihn Oma liebte", klingt nicht sexy. Und ob Graf Bumsti oder Herzogin Schlumpfi Lech die Ehre geben, ist Nichtlesern des Goldenen Blattes eher egal.

Bestenfalls: Planet Antel hat abschreckende Wirkung. Die Geschichte von der reichen Nachbarin etwa. Sie fliegt nach Lech. Der Chauffeur folgt mit Auto und Schoßhund. Weil er nicht gerne fliegt. Der Hund. Ein Touristiker, der überlegt, wer in fünf oder zehn Jahren hier Urlaub macht, fängt an zu weinen.

Dabei stechen in Lech weniger die Schoßhunde als die wundervollen Hänge ins Auge. Auf denen sind - relativ -wenige Snowboarder unterwegs, auf dem Frühstückstisch steht ein Tischmistkübel: das Dilemma des Urs Kamber.

Ginge es Lech schlecht, hätte er es leichter. Bloß: Lech und Zürs verzeichnen 850.000 Nächtigungen, eine Bettenauslastung von 70 Prozent. Jeder Vierte steigt in Vier- oder Fünfsternhotels ab. Drei Viertel der Gäste tragen die Vorsilbe "Stamm". Durchschnittlich gibt jeder pro Tag 180 Euro aus. Ischgl liegt bei 116 Euro - aber was die Vergötterung der Götzen "Jugendkultur" und "Eventgesellschaft" noch bringt, haben mittlerweile auch die erkannt: Die Geschichte von den Geistern, die man rief, ist - "zum Glück" - nicht die des Urs Kamber: "Jeder Ort muss sich festlegen."

Dass Lechs Tourismuschef da ausgerechnet mit einem Boarder- und einem Highspeed-Event ansetzen will, irritiert einige Hoteliers: "Open Space" nennt sich ein Wettbewerb Anfang Februar. Skifahrer und Snowboarder werden schöne Hänge mit schönen Spuren "bemalen". Und Harry Egger, der derzeit schnellste Mensch auf Skiern, will im März mit 250 km / h zu Tale rasen. Spektakelkultur? Unwürdig? Kamber verneint - schließlich käme es auf das "wie" an: Harry Egger sei eine Chance, die Klasse des Geländes weltweit zu zeigen. Und ob man Snowboard-Videos zu lifestyligen Rambazamba-Clips oder "Soulfood für Tiefschneefahrer" schneide, sei "genau der Unterschied. Was hängen bleiben wird, ist, dass der Arlberg das Tiefschneeparadies ist. Und das ist zeitlos." Freilich auf eine andere Art als Tischmistkübel. Darum kommen sie auch nie in Schneevideos vor. (Der Standard | Rondo | Thomas Rottenberg)

Infos:
www.lech-zuers.at

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