Des Gumpendorfs neue Beisln

1. Februar 2002, 23:59
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Rund um die Wiener Gumpendorfer Straße fand in den letzten Monaten ein bemerkenswerter Lokalboom statt, wie es ihn seit dem Bermudadreieck nicht mehr gab

Hin und wieder passiert so etwas. Da treffen offensichtlich irgendwann irgendwelche Kraftlinien zusammen, und schon ploppen die Lokale aus dem Boden, dass man gar nicht mehr weiß, warum und wie. Momentan bietet offenbar die untere Gumpendorfer Straße die besten Wachstumsbedingungen: "Eat", "Bar Italia Lounge", "Mango" mit neuem Koch, "Makken" und "Café Kafka" auf der alternativeren Seite, und die Eröffnung der gestylten Nudel-Lounge "Ra'mien" steht auch unmittelbar bevor.

Und aus Alt wurde Neu. So sperrte zum Beispiel das "Stern" wieder auf, und aus der "Sooßer Weinstube" wurde ein bemerkenswertes Lokal-Projekt namens "Grüner Esel" (der Name rührt übrigens daher, dass Peter Ott vor einigen Jahren ein ebenfalls altes und heruntergekommenes Gasthaus zum geschätzten "Blauen Esel" machte): Man renovierte das Gasthaus mustergültig, kombinierte klassische Bestandteile mit Zeitgemäßem und fuhr eine vergleichbare Strategie auch in Sachen Küche. Indem Ott nämlich den jungen Alexander Radakovits engagierte, dem der Ingwer und das Lemongrass so selbstverständlich von der Hand gehen wie anderen das Salz und der Pfeffer. Was in Verbindung mit Wiener Küche natürlich nicht immer so super kommt, was aber, wenn er sich statt an Tafelspitz am Blue Marlin versucht, durchaus erfreulich sein kann.

Die Mozzarella-Spinat-Röllchen mit Tomaten-Ingwer-Sauce waren so weit okay (EURO 7,20), der Schafskäse im Speckmantel entsprach dem gängigen Standard (EURO 7,20). Die Spanferkelleber sah auf ihrem Püree-Sockel zwar hübsch aus und ließ auch den würzigen Saft nicht vermissen, war aber ein bisschen schwer zu beißen (EURO 9,80); das gebratene Stubenküken auf Kartoffel-Prosciutto-Roulade mit Erbsen-Zitronengras-Kochsalat war fein, die kleine Portion verdiente den langen Namen aber nur bedingt. Wie hier überhaupt eher die Ästheten denn die Vielfraße auf ihre Rechnung kommen.

Der "Stern" wurde von Klaus Heinisch übernommen, am Design musste nichts verändert werden, und die Küche brachte der Beisl-Enthusiast einfach wieder auf das Niveau alter Tage: Ein Napf mit einem Mini-Gröstl als Amuse-gueule, knusprig der Backhendlsalat (EURO 5,50), delikat der gesulzte Wurzelkarpfen auf Kartoffelsalat (EURO 5,80), die Tafelspitz-Suppe mit reichlich Einlage war hervorragend (EURO 3,50), der Tafelspitz selbst dann leider weniger (EURO 12,50). Vergessen kann man so Kreationen wie das mit Mozzarella überbackene Henderl, aber dafür ist die Krönung der Karte, die Saumaise aus Purgstall, selbst eine weite Anreise wert (EURO 8). Erfreulich auch, dass nicht nur zwölf weiße und 14 rote Weine glasweise ausgeschenkt werden, sondern dass es sich dabei durchwegs um heimische Top-Produkte handelt.

Wenn man also vorhat, demnächst die Karriere des Asketen einzuschlagen, sollte man jedenfalls nicht in Gumpendorf zu Hause sein.

derStandard/rondo/1/2/02

von Florian Holzer

Zum Grünen Esel Capistrang. 10/Ecke Mariahilfer Str.
1060 Wien,
Tel: 01 / 585 11 89, Mo-Fr 11-23
Sa 11-18 Uhr

Stern
Gumpendorfer Str. 34
1060 Wien
Tel: 01 / 585 21 93, tägl. 17-1 Uhr
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