Von wegen Hütte

4. Februar 2002, 13:47
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Der Glashütter Uhrenbetrieb hat einen gelungenen Imagewandel hinter sich und ist derzeit (noch) die einzige Manufaktur in der Swatch Group. Von Gisbert L. Brunner

Nicolas G. Hayek gilt in der Uhrenbranche nicht nur als schlauer Fuchs, er ist auch einer. Wie sonst wäre es ihm gelungen, seinem Imperium, der Swatch Group, innerhalb kurzer Zeit echte Glanzstücke einzuverleiben. Im September 1999 erwarb Hayek die traditionsreiche Nobelmarke Breguet und den renommierten Rohwerkehersteller Nouvelle Lémania von der Investors Corporation. Ebenso recht dezent ging im Oktober 2000 der Kauf des Glashütter Uhrenbetriebs mit der Marke Glashütte Original und dem Tochterunternehmen Union Glashütte über die Bühne.

Damit kaufte Nicolas G. Hayek nicht nur jede Menge uhrmacherisches Know-how, sondern auch wertvolle Arbeitskräfte und ein qualifiziertes Management. Hierzu gehört insbesondere der bayerische Unternehmer Heinz W. Pfeifer. Der hatte bis zum Oktober 1994 sein Geld mit Röntgenapparaten und anderer Medizintechnik verdient. Dann kaufte er gemeinsam mit einem Partner den nach der Übernahme durch die Treuhand reichlich angeschlagenen Glashütter Uhrenbetrieb - und zog ins abgeschiedene Müglitztal um. "Ein ferngesteuerter Betrieb hätte die mannigfachen Probleme mit Sicherheit nicht bewältigen können", bekennt Heinz W. Pfeifer rückblickend, "außerdem hatte ich den Zuschlag auch unter der Maßgabe einer regelmäßigen Vor-Ort-Präsenz erhalten."

Mit Pfeifer hielt im roten Gebäude an der Altenberger Straße 1 in Glashütte auch ein neuer uhrmacherischer Geist Einzug. Glashütte Original brauchte eine neue Philosophie, einen neuen Auftritt und eine neue Kollektion. Bereits im Frühjahr 1995 war es so weit: Der Makel des Billigen, Einfalls- und teilweise auch Geschmacklosen war verflogen, Gehäuse, Zifferblätter und Zeiger orientierten sich wieder an ihren klassischen Vorbildern.

Der Imagewandel bescherte dem Unternehmen volle Auftragsbücher und Heinz W. Pfeifer die Basis, um sein umfangreiches Sanierungskonzept anzupacken. Bald schon beeindruckte das Unternehmen mit außergewöhnlicher Fertigungstiefe und einem bemerkenswerten Qualitätsstandard. Bis auf Anker, Ankerrad, Spirale, Zugfeder und Steine entstehen alle Teile eines Uhrwerks im eigenen Haus. Zugekauft werden, wie in der Branche allgemein üblich, außerdem Gehäuse, Zifferblätter, Zeiger und Armbänder. Besonders stolz ist Pfeifer auf seinen internen Werkzeugbau. Hier entstehen sämtliche Werkzeuge für die betrieblichen Fertigungsprozesse. "Für ein neues Kaliber kommen Werkzeugkosten in Höhe von gut 500.000 Euro zusammen", rechnet Pfeifer vor - die erforderlichen Maschinen sind da noch gar nicht einkalkuliert.

Bis dato gründet sich die Kollektion auf vier Basiskalibern, welche modular ergänzt werden können, sowie auf drei komplizierten Werken. Freunde des klassischen Handaufzugs kommen bei den Nummern 49, 42 und 21 voll auf ihre Kosten. Ersteres ist von runder, das 42 von tonneauförmiger Statur. Wer seine Uhr nicht täglich aufziehen möchte, kann das der Rotorautomatik des 39 überlassen. Präzisionsfanatiker können sich an 51, 41 und 43 mit fliegendem Tourbillon erfreuen. Das derzeitige Spitzenkaliber trägt die Bezeichnung 60 und zeichnet sich durch die bislang einmalige Kombination uhrmacherischer Komplikationen aus. Dazu gehören das typische Panorama-Großdatum, ein Schaltrad-Chronograph mit 30-Minuten-Zähler und Flyback-Funktion sowie als besondere Innovation ein Countdown-Mechanismus mit individueller Zeitvorwahl bis zu 30 Minuten. Am Ende des Intervalls schlägt ein kleiner Hammer dreimal auf eine Tonfeder. Die komplette, nur in limitierter Kleinserie erhältliche Armbanduhr trägt den verheißungsvollen Namen "PanoRetroGraph". Ein absolutes Prestigemodell ist für Heinz W. Pfeifer auch die "Senator Klassik" mit ewigem Kalendarium, die im Frühling 2000 zur "Uhr des Jahres" gekürt worden war.

Dies alles und viele Zukunftsperspektiven dazu bekam Hayek im Jahre 2000 für eine nicht genannte Summe. Pfeifer kann sich über den Deal nicht beklagen: Er behielt nicht nur seine Position als Chef des Glashütter Uhrenbetriebs, sondern rückte alsbald schon in die erweiterte Konzernleitung der Swatch Group auf. Dort steht er Nicolas G. Hayek und seinem Sohn G. Nicolas beratend zur Seite.

Ins Glashütter Tagesgeschäft mischt sich die eidgenössische Mutter übrigens nicht ein. Pfeifer kann seine Ziele daher nach eigenem Ermessen weiter verfolgen. Und das heißt u.a., dass Markenfans ihre Zeit demnächst mit dem so genannten "Panograph" stoppen können. Hierbei ist, wie der Name bereits andeutet, der Rückwärtszähler samt Schlagwerk weggefallen. Zu erwarten sind auch ein neues Handaufzugswerk feinster Qualität und - einmal mehr in limitierter Edition - ein absolut außergewöhnliches Automatikwerk mit innen liegendem Rotor.

Etwas wird der Glashütter Uhrenbetrieb in absehbarer Zeit aber wohl einbüßen: seine exklusive Rolle als derzeit einzige Manufaktur der Swatch Group. Dem Vernehmen nach sollen Breguet und Blancpain, denen Nicolas G. Hayek höchstpersönlich als Präsident vorsteht, in den gleichen prestigeträchtigen Rang aufrücken. Obwohl beide in der konzerninternen Hierarchie über Glashütte Original rangieren, sind sie gegenwärtig per definitionem nur Uhren-Fertigsteller ohne eigene Werkefabrikation (Etablisseure).

Das Upgrading funktioniert ganz einfach. Breguet kauft die Nouvelle Lémania und Blancpain die Frédéric Piguet SA. Damit gebieten beide Marken über ihre Werkelieferanten - und die Imageprobleme sind vom Tisch.

Auch in Glashütte wird sich bald schon einiges tun. Ein neues Fabrikgebäude ist in Planung. Diesbezüglich hält es Heinz W. Pfeifer mit dem französischen Staatsmann Talleyrand, der 1787 eine Breguet kaufte und folgenden Satz prägte: "Man muss die Vergangenheit in den Akten haben und die Zukunft im Blick."

derStandard/rondo/1/2/02

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