Depression durch Viren

30. Jänner 2002, 19:51
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Verdacht gegen Krankheitserreger bei Tieren

Wien - "Der Verdacht, dass Borna-Viren zu Formen von Schizophrenie und Depression führen können, wurde erstmals 1985 öffentlich und seitdem durch viele Untersuchungen erhärtet", berichtet Virologe Norbert Nowotny (Veterinärmedizinische Uni Wien) dem STANDARD, "aber es sind noch viele Fragen offen. Bestätigt sich der Verdacht, wäre es die erste Virusinfektion, die in Zusammenhang mit psychischen Leiden steht."

Borna-Viren sind schon lange als Erreger einer tödlichen Hirnkrankheit bei Pferden und Schafen bekannt, sie fanden sich aber auch in anderen Säugetieren. So wurde in Vorarlberg, wo auch Pferde an Borna erkrankten, der weltweit erste Fall bei einem Hund beschrieben.

Studie in Vorarlberg

Da die Viren möglicherweise von Tieren auf Menschen übertragbar sind ("Zoonose"), analysieren Nowotny und sein Team derzeit Blut von Psychiatriepatienten in Vorarlberg und finden "erwartungsgemäß bei manchen Patienten sowohl Antikörper gegen die Viren wie Bestandteile der Viren selbst". Aber mit der regionalen Verteilung beginnen die Probleme: Borna bei Tieren kommt gehäuft in bestimmten Regionen vor, Borna bei Menschen gibt es weltweit.

Aber nicht so häufig wie zunächst vermutet. "Zuerst hat man Borna überall gefunden." Inzwischen ist das Bild differenzierter - etwa sieben bis 15 Prozent der Kranken haben das Virus, ein bis drei Prozent der Gesunden haben es auch - und neue Krankheitsbilder sind hinzugekommen, z. B. Panikattacken und, von Nowotny beschrieben, die Antriebsschwäche "chronic fatigue syndrome".

Hierin ähneln sich die Bilder bei Tier und Mensch, auch Pferde "lassen den Kopf hängen". Aber dann verläuft das Leiden bei Tieren über eine massive Hirnhautentzündung zum Tod. Bei Menschen kommt es zu einem subtileren Angriff auf Nervenzellen. So ist nach wie vor unklar, ob Borna eine Zoonose ist oder ob in Tieren und Menschen unterschiedliche Virusstämme zirkulieren.

Schließlich ist auch unklar, ob die psychischen Krankheiten mit antiviralen Medikamenten therapiert werden können, es gibt widersprüchliche Befunde. Dies wie das ganze komplexe Fragenbündel rund um Borna soll nun eine weltweite Zusammenarbeit von Labors klären, an der Nowotny beteiligt ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 1. 2002)

Von Jürgen Langenbach
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