Auf den Spuren der "Davos-Menschen"

2. Februar 2002, 23:19
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Kleine Zeitreise durch die Geschichte der (Anti-)Globalisierung - ein Kommentar der Anderen von Harold James

Unter Historikern ruft die Globalisierung ein starkes Déjà-vu-Erlebnis hervor: Das haben wir vor hundert Jahren schon einmal erlebt: Auch damals gab es große Errungenschaften - materiellen Fortschritt, schwindelerregende neue Technologien wie das Automobil, das Telefon, die Schreibmaschine - und auch Proteste gegen eine Welt, die sich der Kontrolle traditioneller politischer Institutionen entzog . . .

Das bemerkenswerteste Kennzeichen der Antiglobalisierungsbewegungen ist die Entstehung einer eigenartigen Allianz von Rechten und Linken: Im späten 19. Jahrhundert kam die hauptsächlich von Landbesitz lebende Aristokratie in Europa durch den Import billigen Getreides und anderer Nahrungsmittel aus Übersee unter Druck und stand nach einem massiven Einbruch bei Grundstückspreisen und Pachtzinsen am Rand des Ruins. Daher mobilisierte sie Kleinbauern, Handwerker und Kleingewerbetreibende, die ebenso wie die Adeligen glaubten, dass der ungehinderte Wettbewerb ihrem Fortkommen abträglich sei: Für sie war die Globalisierung gleichbedeutend mit Umverteilung.

Die wachsende Arbeiterklasse auf der linken Seite wollte politische Macht, um die ökonomischen Verhältnisse neu zu gestalten. Sie forderte eine fortschrittlichere Steuerpolitik und Maßnahmen gegen die Unterminierung von Arbeitsnormen durch den internationalen Kapitalismus. Und der deutsche Soziologe Max Weber warnte vor den katastrophalen Auswirkungen der Einwanderung polnischer Arbeiter nach Deutschland: "Wir haben", schrieb er als eine Art Vorwegnahme heutiger Globalisierungsdebatten, "ein Stadium kapitalistisch ungeordneten Wirtschaftens erreicht, in dem nicht mehr die höher stehende Kultur sich durchsetzt, sondern im Existenzkampf mit den niedrigeren Kulturen unterliegt."

In der politischen Mitte - flankiert von den Antiglobalisierungbewegungen der Rechten und Linken - propagierte eine liberale Wirtschaftselite ihre Überzeugung von einem allumfassenden Nutzen der Globalisierung. Es gab also keine Zweiteilung zwischen links und rechts, sondern eine Dreiteilung zwischen konservativen Globalisierungsgegnern, liberalen Globalisierungsverfechtern und linken Umverteilungsbefürwortern.

In der Zwischenkriegszeit kam es dann zu einer Radikalisierung an den extremen Rändern des politischen Spektrums: Die antiinternationale Rechte wandte sich dem Faschismus zu, die Linke dem Kommunismus - und die demokratische Politik wurde handlungsunfähig.

Diese Unterteilung war nach 1945 über weite Strecken verschwunden, da Rechte und Linke innerhalb der jeweiligen Nationalökonomien um Umverteilung kämpften. Erst mit der neuen Globalisierungswelle kam die alte Dreiteilung wieder zum Vorschein. Heute haben wir es erneut mit einer antiinternationalen Rechten zu tun, die den vorhandenen Wohlstand und Besitz vor den Kapriolen der internationalen Märkte bewahren will; und mit einer protektionistischen Antiglobalisierungspolitik der Linken, die vor allem in den Gewerkschaften spürbar ist, weil diese befürchten, dass Importe oder Einwanderer die Löhne weniger qualifizierter Arbeitskräfte noch weiter senken könnten. Diese Angst vor Lohnkürzungen fördert die Bildung einer auf allgemeinen Globalisierungsressentiments gestützten breiteren Koalition, die sich direkt gegen multinationale Konzerne und Finanzinstitutionen wendet.

In der politischen Mitte von heute steht - ganz ähnlich der gefährdeten liberalen Ordnung des späten 19. Jahrhunderts - eine Elite, die sich für die Globalisierung stark macht, weil sie davon profitiert: die "Davos-Menschen", wie sie Zyniker gerne nennen.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass deren politisches Programm - noch dazu, wenn es auf diese Weise präsentiert wird - mit der Unterstützung einer breiten Wählerschaft rechnen kann. Die Kosten der Globalisierung und die daraus entstehenden Ressentiments sind einfach zu offensichtlich. Eine Partei, die sich nur der Liberalisierung verschreibt, bekommt höchst selten mehr als fünf bis zehn Prozent der Stimmen, so wie etwa die Freien Demokraten in Deutschland oder die Freiheitsunion in Polen.

Diese neue Politik erzeugt vielfach ein Gefühl des Unbehagens und der Hilflosigkeit. Die alten politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts sind größtenteils verbraucht: Der klassische Konservatismus, weil sich die Welt so rasch ändert, dass eine Politik des bloßen Bewahrens weder attraktiv noch schlüssig erscheint; und der klassische Sozialismus, weil das Tempo der Veränderung auch die traditionellen Positionen der "Arbeiterpolitik" längst ausgehöhlt hat.

Der Bankrott dieser beiden ehrbaren, aber heutzutage obsolet gewordenen Positionen öffnet einem neuen, zunehmend auf Antiglobalisierung setzenden Populismus Tür und Tor. Die neue/alte Politik ist nach innen gerichtet und setzt auf die Idee der Nation als Bollwerk gegen fremde Waren, fremde Einwanderer und fremde Eigentümerschaft. So eine Haltung aber ist gefährlich und destruktiv - war sie doch ein tragendes Element jener Entwicklung, die zur fürchterlichsten Periode der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 1. 2002)



Harold James ist Professor für Geschichte an der Universität Princeton und Autor des Buches "The End of Globalization: Lessons from the Great Depression" (Harvard University Press, 2001) Project Syndicate
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