"Wissenschafter des Jahres 2001"

30. Jänner 2002, 17:09
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Ulrich Körtner, evangelischer Theologe und Bioethik-Experte

Wien - Für sein Auftreten in der öffentlichen Bioethik-Debatte, seine zahlreichen Beiträge und seine stete Bereitschaft zum Kontakt mit Medien wurde Univ.-Prof. Ulrich Körtner (44) vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres 2001" gekürt.

Biographie

Körtner, am 16. April 1957 in Hameln (Deutschland) geboren, ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Universität Wien. Kurz nach seinem Amtsantritt in Wien wurde von der Uni das "Institut für Ethik und Recht in der Medizin" geschaffen und Körtner zur Mitarbeit eingeladen. Bald darauf trat das österreichische Gentechnikgesetz in Kraft, und der Theologe wurde in den Wissenschaftlichen Ausschuss für Genanalyse und Gentherapie am Menschen berufen. Es folgten seine Mitarbeit in der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Uni Wien, der Ethikkommission der Österreichischen Ärztekammer und schließlich im Vorjahr die Berufung in die Bioethikkommission des Bundeskanzlers.

Sein Studium der Evangelischen Theologie hat der Vater zweier - mittlerweile erwachsener - Kinder in Bethel, Münster und Göttingen absolviert. Nach der Promotion 1982 war er bis 1986 Assistent an der Kirchlichen Hochschule Bethel und in Bielefeld. Von 1986 bis 1990 war er als Gemeindepfarrer in Bielefeld tätig, von 1990 bis 1992 Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn. 1992 folgte Körtner einem Ruf als Ordinarius für Systematische Theologie an die Uni Wien.

"Entscheiden muss die Politik"

Mehr Entscheidungsfreudigkeit in grundlegenden ethischen Fragen fordert Ulrich Körtner von der Politik. "Der Ethiker ist nicht der, der sagen kann, was richtig und was falsch ist", betonte Körtner bei einer Pressekonferenz in Wien anlässlich seiner Wahl zum "Wissenschafter des Jahres 2001". Vielmehr bestehe dessen Aufgabe darin, die ethischen Probleme aufzuzeigen: "Entschieden muss von anderen werden, nämlich der Politik", so Körtner. Ethik-Kommissionen seien keine Ersatzparlamente oder Nachfolger der Sozialpartnerschaft.

Demokratiepolitisch bedenklich findet Körtner, dass die Bioethikkommission eine Beratungsgruppe des Bundeskanzlers und nicht des Parlaments ist - dies vor allem im Hinblick auf den öffentlichen Diskurs. Wenn eine Kommission hinter verschlossenen Türen tagen würde, wäre er auch misstrauisch. Als Resultat sehe man sich "bald beim nächsten Volksbegehren, wo wieder nur mit Ja oder Nein" entschieden werden könne. Man müsse sich die Frage stellen, wie man für brennende Fragen wie die Bioethik oder auch Gentechnik eine Öffentlichkeit herstellen könne. Natürlich sei die Bioethikkommission ein Ort, wo diskutiert werde - "aber wir brauchen noch andere".

Stammzellimport

Eine intensivere Diskussion über den Stammzellimport wie derzeit in Deutschaland wünscht sich Körtner auch in Österreich. Die derzeit eher mäßige Resonanz des Themas erklärt er sich unter anderem damit, dass in Österreich Medien fehlten, in dem Grundsatzfragen breit diskutiert würden. Außerdem gebe es anders als in Deutschland kein konkretes beantragtes Projekt, das "Drive" in den Diskurs bringe. Stattdessen würden "Pseudo-Themen zu wichtigen Themen hoch gespielt". Gleichzeitig ließen sich Fragen wie Gentechnik oder Embryonenforschung politisch leicht "aufladen" und für andere Zwecke instrumentalisieren, warnte Körtner. Als "ganz beschämendes Beispiel" nannte er Temelin.

Sein eigenes Fach, die Theologie, will Körtner nicht nur als "Ethikberatungs-Firma" missverstanden wissen. Vielmehr stehe die Frage nach Gott und Transzendenz im Mittelpunkt. (APA/dpa)

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