Bush-Rede: Vom Reich zur Achse

30. Jänner 2002, 19:52
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von Christoph Winder

Von immer wiederkehrenden Applaussalven unterbrochen, hat ein megapopulärer US-Präsident am Dienstag seine erste Rede zur Lage der Nation gehalten. Thematisch bot sie mit ihrer doppelten Kampfansage - Kampf gegen den Terror, Kampf gegen die Rezession - nichts Überraschendes, wohl aber einige Details, die den Fortgang des Antiterrorkampfs in Umrissen erahnen lassen.

Zwei nahöstliche Terrorgruppen - Hamas und Hisbollah - fassten deutliche Warnungen aus. Einer Gruppe von Staaten - Somalia, den Philippinen, Bosnien - hat Bush mehr Engagement beim Trockenlegen terroristischer Sümpfe empfohlen, während Irak, Iran und Nordkorea in einer an Ronald Reagans "Reich des Bösen" erinnernden Rhetorik als "Achse des Bösen" identifiziert wurden. Diese "Achsenbildung" dürfte die politische Großwetterlage - Sonnenschein über der amerikanisch-russischen Beziehung - merklich eintrüben: Moskau hat in letzter Zeit schon mehrfach seinen Missmut über die sich nach und nach wieder zersetzende Freundschaft Moskau-Washington kundgetan. Einen US-Alleingang könnten die Russen im Fall der drei genannten Länder nur schwer schlucken.

Bemerkenswert war, dass Bush - wohl in Erinnerung an seinen Vater, dessen zweiter Wahlkampf 1992 an einer ökonomischen Krise scheiterte - den inneren Zusammenhang von Terror und Rezession untergründig auf eine Art darzustellen wusste, die er wahrscheinlich auch in künftigen innenpolitischen Kämpfen bemühen wird: Wenn die US-Konjunktur nicht anspringt, wird der ressourcenfressende Kampf gegen den Terrorismus schuld daran sein. Sollten sich die ökonomischen Dinge aber zum Besseren wenden, wird sich das die Regierung Bush als Verdienst zuschreiben dürfen. Ob sich die Bürger auf diese Win-Win-Logik von Bush einlassen, wird sich spätestens bei den Mid-Term-Wahlen im November zeigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 31.1.2002)

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