Ein Who's who der Oranier

30. Jänner 2002, 19:39
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120 Bildnisse einer Dynastie am Josefsplatz

Thomas Trenkler

Wien - Angeregt vom Werk des Schweizer Pastors Johann Caspar Lavater, dessen 200. Geburtstag im Vorjahr mit der Ausstellung Das Antlitz - eine Obsession in Zürich gewürdigt wurde, war Franz II. bestrebt, Menschenkenner zu werden: durch die Interpretation der Physiognomie. Universell gebildet, entwickelte er dabei eine Sammelwut, die ihn auch als Monarch (1792 bestieg er den Thron) nicht losließ: Die Kollektion von Porträts sollte bis zu seinem Tod 1835 auf gut 200.000 Stiche anwachsen. Sie war so etwas wie ein Who's who: Der Kaiser hatte Bildnisse von den Häuptern fast aller Herrscher, darunter natürlich auch jene der Päpste, er katalogisierte weiters Feldherrn, Apotheker, Gelehrte . . .

Zusammen mit den Handschriften, Globen und Büchern kam diese Privatsammlung in die Nationalbibliothek. Aus dem Konvolut über das Haus Oranien-Nassau mit einem Umfang von 1000 Blättern filterte man nun, unterstützt von der niederländischen Botschaft, eine Ausstellung: Im Camineum am Josefsplatz sind ab 1. Februar unter dem Titel Oranien 120 Bildnisse aus 500 Jahren einer Dynastie zu sehen.

Der Anlass ist natürlich die Hochzeit des niederländischen Kronprinzen Willem-Alexander, der am Samstag, wie in der Auslandschronik nachzulesen ist, die Argentinierin Máxima Zorreguieta heiraten wird. Und so strahlt einem das umjubelte Paar schon in der Vorhalle entgegen: Die geschmäcklerischen Ölbilder zeigen die beiden im Profil, einander zugewandt, die Augen zum Himmel gerichtet. Ein Auftakt, der Schlimmes befürchten lässt.

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Zu Unrecht: Ab der Schwelle obsiegt die wissenschaftliche Aufarbeitung über ein Königshaus, das durch Heirat die Fürstentümer Orange in Südfrankreich (rund um Avignon) und Nassau (zwischen Main und Mittelrhein) miteinander verband. Als Stammhalter gilt Wilhelm von Oranien (1533-1584), der die niederländischen Provinzen während des Achtzigjährigen Krieges im Unabhängigkeitskampf gegen König Philipp II. von Spanien führte. Er war, wie es auch seine Nachkommen sein sollten, Statthalter: getragen vom Volk.

Und so reiht sich nun in der Nationalbibliothek restauriertes Bildnis an Bildnis, Kupferstich an Radierung, wobei es nicht so sehr auf den Künstler des Werkes ankommt, sondern auf die Biografie des Porträtierten. Die Geschichte wird dabei gar ein wenig trocken erzählt: Auf die Möglichkeit, die Antlitze mit Artefakten oder Dokumenten zu ergänzen, verzichten die Kuratoren Anton Knoll und Wilfried Slama weitgehend.

Welche Wohltat aber ist es, wenn in dem einem oder anderen Schaukasten nicht nur ein Blatt liegt, sondern auch eine Gedenkmedaille, ein Relief aus Elfenbein oder eine Miniatur: Diese Preziosen sind zumeist Leihgaben des königlichen Hausarchivs in Den Haag, einem faszinierenden, der Öffentlichkeit leider nur schwer zugänglichen Kuriositätenkabinett. Aus dieser Sammlung stammen rund 30 Exponate. Um Königin Beatrix abzubilden, hat man sich leider mit einem Siebdruck von Marte Marike Röhling begnügt: Theoretisch wäre auch eine Serie von Andy Warhol zur Verfügung gestanden.

(DER STANDARD, Print, 31.01.2002)
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