Stachel im Szenefleisch

30. Jänner 2002, 21:00
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Der unverwüstliche Fritz Novotny im "Porgy & Bess"-Porträt

Wien - Für gewöhnlich steigt mit zeitlicher Distanz auch der Hang zur Verklärung. Was der Künstler in seinen Anfängen oft an Unbilden durchleben muss, bedeutet Jahre später jenen Anekdoten-Stoff, an den man sich schulterklopfend erinnert. Auch Fritz Novotny, Apologet freier Improvisation, ist derlei nicht fremd; und doch scheint er gegen eine versöhnliche Vereinnahmung vonseiten des Musikbetriebs immun.

Über dreieinhalb Jahrzehnte nach der Gründung seiner Reform Art Unit stellt der 61-Jährige noch immer ein Irritationsmoment dar, das so manche Denkerstirn in Falten legt. Selten liegen Musikidee und -klischee so nahe nebeneinander wie bei diesem Unbeirrbaren. Und doch fordert gerade die Ambivalenz, die das Bild von Novotnys kontroversieller Persönlichkeit prägt, stets aufs Neue zum genauen Hinhören heraus.

Drei Abende im Porgy, drei spontan erarbeite Programme:

Unter dem Signet X-perimental und der Leadership des Violinisten und Pianisten Paul Fields wurden Räume zwischen Honky-Tonk-Piano und fernöstlichen Mundorgel-Klängen, zwischen Saxophon-Elegie und Violin-Capriccio durchmessen: ein Potpourri, das an Stil-Schaustellerei erinnerte und selten Prägnantes (von Trompeter Sepp Mitterbauer und Walter Malli am Sopransax) zuließ.

Ganz anders das Ensemble Heute, für das Novotny verantwortlich zeichnet: In ihren besten Momenten oszillierten die Musiker zwischen mit anheimelnder Patina überzogener, atonal-expressiver Kammermusik und pointillistischen Klang-Tableaus, in denen sich Margarete Jungens mit Opernpathos und mikroskopischen Geräuschzellen Gehör verschaffte.

Schließlich die eigenen Free-Jazz-Wurzeln: Novotny & Co. als Reform Art Unit. Die Schublade, in der er sich bequem verstauen ließe, gibt es noch nicht. Als streitbarer Stachel sitzt Novotny tief im Fleisch einer diskursfaulen heimischen Jazz-Szene. Hoffentlich noch lange!
(felb - DER STANDARD, Print, 31.01.2002)

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