Erst kommt das Fressen ...

30. Jänner 2002, 18:12
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Historiker Suppan: "Soziale Misere unvorstellbaren Ausmaßes trieb Sudetendeutsche in Hitlers Arme"

Wien - "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." - Bertolt Brechts nüchternes Statement lässt sich auch in der aktuellen Diskussion um Sudetendeutsche und Benes-Dekrete verwenden: Eine soziale Misere unvorstellbaren Ausmaßes und nicht ideologische Überzeugung habe die tschechoslowakischen Sudetendeutschen nach Überzeugung eines österreichischen Historikers vor dem Zweiten Weltkrieg in die Arme Hitler-Deutschlands getrieben. "Diese Ausweglosigkeit können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen", beschrieb der Präsident des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institutes, der Historiker Arnold Suppan, am Mittwoch in einem dpa-Gespräch in Wien die damalige Lage.

"Die Arbeitslosigkeit unter den Sudetendeutschen war doppelt so hoch wie in Deutschland und Österreich und vier Mal so hoch wie in der Tschechoslowakei", erläuterte Suppan die Situation. "Die einfachen Bauern, Angestellten und Arbeiter suchten einen Ausweg, ohne zu wissen, was hinter der NS-Ideologie stand". "Wenn man eine Minderheit schlecht behandelt, sucht sie nach anderen Lösungen. Wenn keine Perspektiven zu erkennen sind, läuft man vermeintlichen Erlösern nach".

Die Feststellung des tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman, die Vertreibung aus ihrer Heimat sei für die Sudetendeutschen erträglicher gewesen, weil viele von ihnen sonst als Landesverräter hingerichtet worden wären, ist für den Experten "juristisch und historisch schlicht falsch". Das Münchener Abkommen von 1938 sei durch die Beteiligung Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands ein internationaler Vertrag, nach dem die Sudetendeutschen ihre Staatsbürgerschaft wechseln mussten. Da dieser Wechsel nicht von der Minderheit ausgegangen sei, könne sie auch nicht kollektiv als Landesverräter eingestuft werden.(APA/dpa)

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