Erste Hilfe und die Folgen

30. Jänner 2002, 15:49
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Ich hatte heute ein Erlebnis der besonderen Art: War mit meinen Kindern auf der Alten Donau Eislaufen. Um ca. 14:25 stürzt nahe der Gänsehäufelbrücke ein älterer Herr schwer und bleibt bewusstlos liegen. Nachdem ich in nächster Nähe war und als Ärztin und Mensch mich verpflichtet fühlte, Taten zu setzen, rief ich meine Kinder zurück und gleichzeitig via Handy den Polizeinotruf. Ich meldete, dass der Mann auf dem Eis liege, bewusstlos sei und der Zugang für die Rettung möglicherweise schwierig. Dem Bewusstlosen hatte ich einen Pullover unter den Kopf (blutete aus einer Wunde) geschoben und meinen Daunenanorak um die Beine gewickelt, nachdem ich ihn mit Hilfe seines Freundes in Seitenlage gebracht hatte.

Die Polizei traf ein, nahm die Daten auf, die Rettung kam, der Arzt und der Sanitäter kümmerten sich um den Verletzten und fragten ihn, woran er sich erinnere. Ich teilte darauf den beiden mit, dass der Mann bewusstlos gewesen sei. "Ja, ja, is scho guat", war die Antwort des Sanitäters, der junge Arzt schwieg. Darauf meinte ich, ich sei Ärztin und wollte nur diese Information weitergeben. "Jojo".

Ich hatte nur mehr einen dünnen Pulli an und fror, bewegte mich. Der Polizist: "In der Sonne ist es eh ganz warm gell?" Ich: "Ist alles relativ "(die Polizisten waren mit einer warmen Jacke mit Pelzkragen ausgestattet). Ich war ein bissl verärgert, die Kinder standen mit Abstand da und beobachteten ...

Ich meinte, wenn ich ohnehin nicht mehr gebraucht werde, hätte ich gerne meine Jacke und möchte weiterlaufen. Der Polizist: "Geh lassn's earm doch die jackn no, sonst friert er". Ich: "Ich dachte, die Rettung hätte Isolierfolien für solche Fälle, noch dazu, wo sie wusste, dass der Verletzte auf dem Eis liegt". Der Polizist: "Die wirken ja von unten nicht(!!)". Ich gab auf, eine Diskussion darüber in der Situation schien mir sinnlos und nicht angebracht. Kurz vor 15:00 war der Kopf verbunden, die Krankentrage endlich auf dem Eis und der Mann wurde auf die Bahre gehoben. Von einem Polizisten wurde mir mein Anorak gereicht, der Sanitäter oder Fahrer des Krankenwagens reichte mir mit spitzen Fingern und lächelnd (oder grinsend?) meinen blutigen Pullover und meint: "Den könnens, glaub' ich, mit 40 Grad jetzt waschen".

Ich dachte, das darf doch alles nicht wahr sein, wollte nicht gleich an die Öffentlichkeit, sondern eine Sachverhaltsdarstellung wegen des medizinischen Fehlverhaltens (keine Decken, keine Isolierfolie ...) abgeben:

  • Kinder sind im Bett, ca. 20:45: Erster Versuch: Rotes Kreuz Leitstelle:
    Wenn ich nicht weiß, was für ein Fahrzeug das gewesen sei, könnten sie nichts für mich tun, weil sie seien nur zu zweit und hätten zu viel zu tun.

  • Zweiter Versuch: Wiener Rettung:
    Der Herr dort konnte sowohl das Fahrzeug als auch die Besatzung offensichtlich identifizieren, weil er über die Uhrzeit des Einlangens des Einsatz-Rufes und die Uhrzeit des Abtransportes mir Bescheid geben konnte, entschuldigte sich und wollte die Sache weiterleiten.

  • Etwa 10 Minuten später (mittlerweile 21:10):
    Es ruft mich eine Ärztin der Rettung an, teilt mir mit, dass das "nicht ihre Leute gewesen seien", ich möge mich "am Montag beim asb beschweren" (das ist offensichtlich der Arbeitersamariterbund). Ich war etwas verärgert, dass ich um die Uhrzeit kontaktiert werde, nur um mir mitzuteilen, dass es jemand anderer war - so ein typisch österreichisch -kindisches Verhalten! Ich sagte, es sei eine Zumutung, dass ich mich in meiner Freizeit mit solchen Telefonaten herumschlagen müsse und am Montag den ganzen Tag in meiner Ordination beschäftigt sei und keine Lust hätte, nachdem ich alles Nötige getan habe, da jetzt auch noch herumtelefonieren sollte. Vorwurf: Ich sei aggressiv und solle mich beruhigen. Auf meine Bemerkung, das alles sei kein Renommée für das Wiener Rettungswesen und ich werde das jetzt doch in die Zeitung geben: "Tun Sie doch, was Sie wollen". Und das habe ich hiermit getan.

    Meine Tochter, 6 Jahre, hat mich nur immer wieder gefragt, warum ich dem Mann geholfen hätte, warum ich ihm meine Kleider (und ihre Mütze!!) gegeben hätte, warum, warum ... warum ich mir meine Hände (nachdem ich meinen blutigen Pulli angegriffen hatte) desinfizierte hätte ... Ja, warum eigentlich? Ich weiß es und habe es meinen Kindern erklärt, offensichlich redet man heute mit Kindern über so etwas zumindest nicht mehr... (ich bin Jahrgang 55)

    Noch ein kurzer Nachtrag: Am 23.1. rief mich ein Herr des Arbeitersamariterbundes in der Ordination an, entschuldigte sich und ergänzte, dass es sich bei dem Herrn, der die Wunde versorgte, um einen Zivildiener handelte.

  • Wie bei der Eröffnung unseres Ressorts "Alltag" angekündigt, wollen wir hier auch Alltagserlebnissen von LeserInnen Platz schaffen.

    Hier die Erlebnisse einer 46-jährigen Ärztin bei einer Erste-Hilfe-Maßnahme in Wien. Die Leserin möchte gerne anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.
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