Zeugnisverteilung für die Bildungspolitik

30. Jänner 2002, 11:16
6 Postings

Gehrer kündigt Lesetests an - SPÖ reklamiert gute Ergebnisse der PISA-Studie für sich

Wien - Rechtzeitig vor Beginn der Semesterferien stand am Mittwoch im Nationalrat die Zeugnisverteilung für die österreichische Bildungspolitik auf dem Programm. Im Rahmen einer von der ÖVP beantragten Aktuellen Stunde nahmen die Abgeordneten der Regierungsfraktionen die Ergebnisse der PISA(Programme for International Student Assessment)-Studie zum Anlass, Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) eine ausgezeichnete Beurteilung in die Schulnachricht zu schreiben. Diese kündigte zur weiteren Verbesserung der österreichischen Ergebnisse die Einführung von Lesetests in der dritten Klasse Volksschule an.

ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon führte das gute Abschneiden der heimischen 15- bis 16-Jährigen - im Lesen und den Naturwissenschaften belegte Österreich als bestes deutschsprachiges Land Plätze im vorderen Mittelfeld des OECD-Vergleichs - auf die Leistungsbereitschaft der Lehrer und nicht zuletzt auf die Bildungspolitik der ÖVP zurück. Die Studie relativiere auch die Kritik der Opposition, dass das Bildungssystem kaputtgespart werde. PISA zeige, dass in Österreich im OECD- und Europa-Vergleich am meisten für Bildung ausgegeben werde. Trotz der guten Ergebnisse will sich FPÖ-Bildungssprecher Rüdiger Schender mit den Leistungen aber nicht zufrieden geben. Man liege von der Spitze weiter entfernt als vom Durchschnitt.

"Bei uns in Österreich wird Schule ernst genommen", erteilte Gehrer der "Laissez-faire"-Mentalität in manchen deutschen Schulen eine Absage. Einen Schwerpunkt will sie auf die Förderung der Lesekompetenz legen. Bei aller grundsätzlicher Zufriedenheit mit der PISA-Studie dürfe nicht übersehen werden, dass vier Prozent der 15- bis 16-jährigen Schüler fast nicht lesen können und elf Prozent Probleme damit hätten. Deshalb wolle man die Leseleistung bereits in

der dritten Klasse Volksschule feststellen, um dann bei Bedarf gezielt fördern zu können. "Lesen können heißt lernen können. Diese Kulturtechnik sollen Kinder, wenn sie die Volksschule verlassen, 100-prozentig beherrschen. Lesetests sollen dem Lehrer Defizite bei Schülern aufzeigen", so Gehrer. Trotz der guten Ergebnisse jener Länder, die ein Gesamtschulsystem hätten, werde es keine Änderung der Schulorganisation geben. Der Aufwand dafür lohne sich nicht, "die Leistung wird dadurch nicht verbessert", betonte Gehrer.

SPÖ-Bildungssprecher Dieter Antoni und SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl reklamierten die guten PISA-Ergebnisse für die Sozialdemokraten. Die Studie sei zu einem Zeitpunkt durchgeführt worden, in der die ÖVP-FPÖ-Regierung noch keine Maßnahmen im Bildungsbereich gesetzt gehabt habe. "Für dieses Ergebnis sind die Weichen schon vor zehn Jahren gestellt worden", so Kuntzl. Damals habe es noch kleinere Klassen und mehr Lehrer gegeben. Nun wälze Gehrer aber auch noch die vom Finanzminister verordnete Kürzung der Ermessensausgaben um drei Prozent auf die Schulen ab. Für diese bedeute dies 13,7 Millionen Euro (189 Mill. S) weniger.

Einen Blick über die Grenzen forderte der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz. Österreich dürfe sich nicht an den Schwächen der Schweiz und Deutschlands orientieren. Man müsse sich nicht zuletzt fragen, warum ausgerechnet die skandinavischen Länder mit ihren Gesamtschulsystemen besser als Österreich abgeschnitten hätten und warum Finnland mit der vergleichsweise geringsten Anzahl an Unterrichtsstunden bessere Ergebnisse als Österreich mit der höchsten Anzahl an Stunden erreiche. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.