"Auschwitz war auch ein riesiges Forschungslabor"

29. Jänner 2002, 19:51
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Ernst Klee zur NS-Wissenschaftsgeschichte

Wien - "Die Wehrmacht war der größte Auftraggeber von Menschenversuchen im KZ. In der Diskussion ist das bisher völlig übersehen worden. Auschwitz war auch ein riesiges Forschungslabor", sagt Ernst Klee. Der Publizist beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" im Nationalsozialismus und hat sich nun "die Eliten in den Wissenschaften vorgenommen".

"Wir haben ja so einen Konsens: Leute, die Juden erschossen haben, sind Verbrecher. Aber Leute, die Juden nach Auschwitz definiert haben, sind ja hoch geehrt weiterhin auf ihren Lehrstühlen geblieben. In Wien war damals ,reichsweit' die Gesellschaft für Rassenhygiene mit den meisten Mitgliedern."

Viel Unaufgearbeitetes ver- mutet der Buchautor (zuletzt "Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945", S. Fischer) am Institut für Gerichtsmedizin, das "gleichzeitig" für die Uni Wien und für die Gestapo gearbeitet habe. "Darüber finden Sie überhaupt kein Material. Einer hat bei der ersten Probevergasung von Geisteskranken in Russland mitgemacht, aber ich kann Ihnen nicht sagen, was er in Wien gemacht hat. Dass Menschenversuche passiert sind, ist klar, aber nicht, welche. Das ist doch merkwürdig bei einem Institut, das Teil des Reichssicherheitshauptamtes war."

Klee recherchierte auch die Forscherkarriere Josef Mengeles. "Die Legende nach dem Krieg war: Mengele als Monster, nicht als Wissenschafter." Als Humangenetiker des Kaiser-Wilhelm-Instituts habe er grauenhafte Versuche gemacht. "Diese Institute sind heute Max-Planck-Institute", ruft Klee in Erinnerung und nennt Auschwitz "einen Geburtsort der Humangenetik".

Augen umfärben

Als Beleg beschreibt er im Gespräch mit dem STANDARD Versuche zu Genwirkstoffen: "Die Menschen wurden getötet, ihre Augen herausgeschnitten und nach Berlin geschickt ans Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie." Dem seien Transplantationen von Augen der Fruchtfliege Drosophila auf andere Tiere vorausgegangen. "Dabei hat man festgestellt, dass sich die Augenfarbe bei den Transplantatempfängern weiter vererbt, und geglaubt, man sei dicht davor festzustellen, wie die Gene wirken. Und hat versucht, die Augen umzufärben mit körpereigenen Stoffen - ein riesiges Forschungsprojekt, das nach dem Krieg völlig geheim gehalten worden ist." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2002)

Von Roland Schönbauer

Ernst Klee hält am 30.1.2002, um 19 Uhr eine Wiener Vorlesung zu "Medizin im Nationalsozialismus": Rathaus, Lichtenfelsg. 2, 1010 Wien
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