Gewerbeordnung: Qualität ohne Dekret - Von Leo Szemeliker

29. Jänner 2002, 19:46
2 Postings
Die österreichische Gewerbeordnung stammt in ihren Grundlagen aus dem 19. Jahrhundert. Und diese wurzeln wiederum in den mittelalterlichen Zunftordnungen. Alle diese Regelwerke hatten stets den Sinn, das jeweilige Gewerbe vor zu viel unangenehmer Konkurrenz zu schützen. Dass die Wirtschaftskammer "zünftlerisch" sei, hören ihre Proponenten heutzutage zwar nicht gerne, nichtsdestoweniger erwarten die Mitglieder aber "zünftlerisches" Verhalten.

Daher war vorherzusehen, dass die heimischen Händlerfunktionäre Alarm rufen, wenn der Zugang zum Handel von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein weitgehend liberalisiert werden soll. Alarmiert wurde natürlich wegen "der Qualität des Handels", die ins Bodenlose zu stürzen drohe, wenn da jeder, der eine Idee hat, auch ein Geschäft daraus machen dürfe.

Zunächst ist es bezeichnend, dass in Österreich äußerst selten zugegeben wird, wenn man als Interessenvertreter ehrlicherweise nun einmal politische Lobbyarbeit zu leisten hat. Stattdessen wird lieber die Sorge um das Allgemeinwohl hervorgekehrt, als ob es die Caritas zu überflügeln gelte.

Weiters ist die Annahme, der Staat könne per Verordnung Qualität dekretieren, absurd. Selbstverständlich ist, dass etwa für den Handel mit Pharmazeutika eine entsprechende Ausbildung vorgeschrieben sein muss. Beim Handel mit Teddybären verhält sich der Bedarf wohl anders.

Grundprinzip des Handels ist, dass jemand Nachfrage erkannt hat und für diese Angebot heranschafft. Dafür braucht es keine von einer Kammer beglaubigte Prüfung. Wer sich dann mit gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht auskennt, holt sich Spezialisten. Sollte die Geschäftsidee Kunden finden, rechnet sich das. Und die Qualität stimmt auch. Ganz ohne Dekret. (DER STANDARD, Printausgabe 30.1.2002)

Share if you care.