Glamouröser Tanz auf dem CD-Vulkan

29. Jänner 2002, 19:35
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Musikmesse Midem als Ort des Optimismus

Ludwig Flich

Cannes - Glamour, Palmen, Superhotels und eine Stadtkulisse wie aus dem Bilderbuch - und ebensolche Stars: Im Jänner schlägt die Musikindustrie in Cannes ihre Kojen auf, besetzt Yachten und fördert abends den Umsatz der Gastronomie. Nach einem sehr mäßigen Jahr 2001, in dem die zurückgehenden CD-Verkäufe nur durch die Gewinne der DVD wettgemacht wurden, gab sich heuer die Musikszene nach außen optimistisch. Show und Business müssen weitergehen.

Hunderte Fans jubelten, als eine immer holdselig lächelnde Britney Spears, die zugleich für ihren ersten Film Crossroads die Werbetrommel rührte, aus dem Carlton zu den NRJ Awards schwebte. Und auch Jennifer Lopez strahlte über das Kreischen ihrer Fans vor dem Majestic. Glamour gehört dazu. Da tat auch die Klassik gut daran, ihre Promis standesgemäß zu präsentieren:

Primadonna Cecilia Bartoli heimste einen "Victoire de la Musique Classique" ein; dasselbe "Schicksal" ereilte das seit ihrer Tosca-CD wieder im Rampenlicht stehende Sänger-Ehepaar Gheorghiu-Alagna; ausgezeichnet wurden in dieser französisch dominierten Preisvergabe auch die Sängerin Natalie Dessay, der Geiger Ivry Gitlis und der Gambist Jordi Savall.

Der Kursbarometer

Preise verkaufen CDs besser. Alljährlich gibt es in Cannes daher auch die Midem Classical Awards für CDs, eine gigantische Preisversammlung mit mehr als 20 Kategorien, bei der heuer der Komponist Poul Ruders, der Dirigent Christopher Hogwood und der Pianist Ivan Moravec bedacht wurden; in der Kategorie "Solowerke des 17./18. Jahrhunderts" gewann der geigende österreichische Barockspezialist Gunar Letzbor für seine Viviani-CD. Die Midem ist seit jeher ein Kursbarometer für den Musikhandel, aber nur selten zeigt sich ein Repräsentant eines Major-Konzerns. So bleiben erstaunliche Freiräume für Tausende Kleinfirmen, die auf den Ständen Produkte anbieten.

Ob Barock oder Rap, Weltmusik, Dance oder Electronic - alles dreht und bewegt sich, und wo nichts verkauft wird, da treffen einander wenigstens Geschäftspartner, die sonst nur per Telefon Kontakt pflegen. Mochten auch weniger Aussteller als zuletzt gekommen sein (der Kurssturz des New Biz und der 11. September lagen vor allen US-Firmen im Magen), so signalisierte der ruhigere Messetrubel besseres Business.

Unberührte Strategie

An aktuellem Tratsch erfuhr man, dass Celine Dion in Europa doppelt so viele CDs verkauft hat wie Madonna und dass im letzten Jahr mehr Einzelalben als in allen Jahren davor die Eine-Millionen-Verkaufsmarke übersprangen. Und: Robbie Williams oder Andrea Boccelli lassen nach wie vor die Kassen klingeln. Dennoch war erstaunlich, dass die Midem zwar in manchen Konferenzen von der Download-Problematik, von mobilen MP3-Playern und Handys mit Musik berichtete, aber die Strategien der meisten Vertriebe schien das nicht grundsätzlich zu berühren.

Die Internetgläubigkeit der letzten Jahre flaute ab und damit auch die Zahl der Download-Seiten, aber viele Firmen wollen die drohende Gefahr nicht wahrnehmen. Ein paar Informationsinseln, in denen für noch steilere Kopierschutzsysteme oder für kontrollierten Datentransfer geworben wurde - aber eine gemeinsame Standardisierung ist kaum erkennbar.

Abgesehen von den Napster-Erben versuchen einige Internetanbieter, Downloads von bis zu 20 Tracks zu erlauben, die dann fast so viel wie eine CD kosten. Geködert soll man durch günstigere Abonnements und Gratis-Downloads von historischem Material werden - also nur bedingt mit Zuckerln. Erfolge werden für 2005 prognostiziert.

(DER STANDARD; Print, 30.01.2002)
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