Selbsthass im Spiegelkabinett

29. Jänner 2002, 19:40
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Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" an der Stuttgarter Staatsoper

Regisseur Martin Kusej, der sich im Sommer in Salzburg "Don Giovanni" widmen wird, inszeniert Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" an der Stuttgarter Staatsoper: ein Ausflug in die Welt verdrängter erotischer Obsessionen, bei dem viel Theaterblut fließt.

Reinhard Kager

Stuttgart - Die Leichen in den Kellern des Kapitalismus sind zahlreich: Kranke, Schwache, Gebrechliche finden keinen Platz in dieser Gesellschaft. Wie Alviano Salvago, jener kunstsinnige, doch verkrüppelte Adelige, den Franz Schreker in den Mittelpunkt seiner Oper Die Gezeichneten stellte. Ein Gnom, der gleich mit verrenkten Gliedern nackt durch einen feuchten Pfuhl stakst, um einen trüben Spiegel herauszufischen. Sein verzerrtes, glatzköpfiges Gesicht wie einst Narcissus erblickend, formt Salvago den Mund zu einem stummen Schrei und fügt sich mit den scharfen Kanten des Glases eine blutende Wunde zu: Selbsthass als Reaktion auf die vereinsamende Ausgrenzung ist ein aus der Geschichte bekanntes Phänomen.

Schon Günter Krämer hatte 1987 daraus einen Leitfaden gesponnen, um das Werk am Vorabend der faschistischen Katastrophe anzusiedeln. Martin Kuej schärft diesen Blickwinkel noch und leuchtet in die finstersten Ecken der bürgerlichen Gesellschaft, um dort auf Sadomasochismus und Mord zu stoßen.

Gewalt gegen unschuldige Jungfrauen

Während sich Salvago selbst Wunden zufügt, um seine psychischen Schmerzen zu lindern, richtet sich die Gewalt der Spießgesellen um den Macho Vitelozzo Tamare gegen unschuldige Jungfrauen, die stets aus niederen sozialen Schichten stammen. Anstelle der Originalschauplätze (Genueser Renaissance-Paläste) stellt Bühnenbildner Martin Zehetgruber einen Betonbunker hin, in dem sich verschiebbare Metallregale befinden: die feine Gesellschaft im Verlies ihrer verdrängten Obsessionen.

Da knallen Peitschen, da fließt Blut. Und so stapeln sich die Leichen der Frauen, zwischen denen eine Lichtgestalt auftaucht: Carlotta Nardi, die Tochter des Genueser Podestà, im Glitzerkleid eines Stummfilmstars. Eva-Maria Westbroek ist Lulu und Mélisande, ist erotisch, doch ungreifbar. Aber eines ist sie nicht: eine psychisch gebrochene Frau, ähnlich gezeichnet vom Leben wie Salvago, der ihr wohl deshalb verfällt.

Antiheld

So fehlt der zentralen Szene im Atelier der als Fotografin gezeigten Carlotta jene Nähe des Todes, die Schrekers Klänge beschwören. Ohne die Triebkraft des Thanatos bleiben Salvagos Posen leere Grimassen. Obwohl Gabriel Sadé ein präzise deklamierender und überzeugender Antiheld ist. Blasser Claudio Otelli als dessen angestrengt wirkender Gegenspieler Tamare; solid Wolfgang Probst als Herzog Adorno, der die Orgien auf Salvagos Zauberinsel aufdeckt: ein Spiegelkabinett, in dem lebende Faune das biedere Völkchen ermuntern, endlich mal nach Herzenslust kollektiv zu rammeln.

Aber da entgleist Kuej die Inszenierung, um sich im blutigen Schlamm von Schönherrs Glaube und Heimat wiederzufinden, in dem er bereits am Burgtheater stecken geblieben war. Was Pasolini filmisch beklemmend festhalten konnte, degeneriert hier zu einer harmlosen Menschenskulptur, die Schrekers schwelgende Musik äxteschwingend in Theaterblut ertränkt. Trotz des Einsatzes des Chors verflüchtigte sich der schwebende Klangzauber, zumal er in der Wiedergabe Lothar Zagroseks am Pult des Orchesters ohnedies schon etwas grob gestrickt wirkte.

(DER STANDARD; Print, 30.01.2002)
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