Ein "schlimmer Anfang" verkauft sich gut

29. Jänner 2002, 19:24
posten

Weiterhin boomen Kinder- und Jugendbücher

Claus Philipp

Wien - "Zutritt auf eigene Gefahr": Jedes Kind weiß, dass solche Warnungen der größte Anreiz sein können, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen. Und der "angesehene US-Autor", der unter dem Pseudonym "Lemony Snicket" seit 1999 an einem Fortsetzungsroman für Kinder schreibt, weiß mit derart verheißungsvollen Warnungen vorzüglich umzugehen: Er wurde, so heißt es kryptisch in seiner Kurzbiografie, ja auch "in einer Kleinstadt geboren, deren Bewohner zu Misstrauen und Tumulten neigen".

Und seine seit 1999 publizierte Series of Unfortunate Events, von der auf Deutsch beim Verlag Beltz & Gelberg unter dem Übertitel Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus bis dato fünf Bände erschienen sind, lockt nicht nur mit Titeln wie Der schlimme Anfang oder Das Internat des Schreckens. Regelmäßig prangen auf den Cover-Rückseiten auch Sätze wie diese: "Wenn du keine Lust auf eine Erzählung hast, in der es um einen Hurrikan, hungrige Blutegel, kalte Gurkensuppe und eine Puppe namens Süße Susi geht, dann dürfte dich dieser Band zur Verzweiflung treiben."

Keineswegs verzweifelt ist darüber mittlerweile der internationale Buchhandel: Auf der Jugendbestsellerliste der New York Times Book Review teilen sich die Unfortunate Events mit den Harry Potter-Bänden die Top Ten. Und wie Joanne K. Rowlings Bestseller sind auch sie Bestandteil eines Phänomens, das kürzlich den Economist fragen ließ: "Warum werden auch Erwachsene zunehmend von Kinderbüchern angezogen?"

Anlass für diese Frage war vergangene Woche die Verleihung des renommierten britischen Whitbread Prize, der erstmals an ein Jugendbuch ging: Philip Pullmans Das Bernstein-Teleskop, Abschluss einer poetischen Fantasy-Trilogie, wird nun ebenfalls nicht länger als Geheimtipp gehandelt. Junge und ältere Leser, die nach der gemeinsamen Lektüre von Harry Potter und Der Herr der Ringe begierig nach weiterer Lektüre in ähnlicher Qualität suchen, greifen mittlerweile dankbar auf derartige Empfehlungen der Buchhändler und Rezensenten zurück: Was man, bei aller Kritik, als erfreulichen Nebeneffekt der Potterisierung der Welt sehen darf.

Ganz offensichtlich tut sich in Zeiten allgemeiner Klage darüber, dass die Menschen zu wenig lesen, ein Markt für epische Lektüre auf. Erst recht für Bücher, die laut Economist eher altmodisch gestrickt sind: Im Alltagsstress dieser Tage hätten nur wenige Leser Zeit und Muße, sich mit komplexen Texten auseinander zu setzen. Gleichzeitig käme ihnen die zunehmend anspruchsvolle Jugendliteratur entgegen. Nicht zuletzt: "Moderne Eltern sehen ihre Kinder nicht viel. Wenn sie gemeinsam dieselben Bücher lesen, haben sie möglicherweise doch die Illusion, Gemeinsamkeiten zu haben."

Lemony Snicket jedenfalls bedient dieses breite Publikum exzellent: Seine Helden heißen Baudelaire, ihr Mentor Poe, und manchmal verkehrt der Schriftsteller im Café Kafka - was eher die erwachsenen Leser erheitert. Aber wenn es um "ungenießbaren Eintopf" geht oder "eine Rauchwolke an einer Stelle, wo sich der Kopf eines Mannes befinden sollte", dann leben auch die Kinder gern mit der Tatsache, dass in dieser Schaurigen Geschichte "hinter jedem Baumstamm nichts als Unheil und Ungemach lauern".

(DER STANDARD, Print, 30.O1.2002)

Zu Harry Potter, Philip Pullman und Co.: www.carlsen4teens.de


Zu Lemony Snicket ab Februar: www.schaurige-geschichten.de

Share if you care.