Wehrmachtsdeserteure warten auf Rehabilitierung

29. Jänner 2002, 14:22
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Forschungsprojekt: Bisher 2.500 Österreicher als Opfer der NS-Militärjustiz eruiert

Wien - Deserteure, Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer: Sie gehören zu den "vergessenen" Opfern des Nationalsozialismus. Viele von ihnen wurden von den NS-Richtern zum Tode verurteilt, mussten in Gefängnisse oder Strafbataillone. Seit einem Jahr versucht der Politologe Walter Manoschek Licht in die Geschichte der Opfer der NS-Militärgerichtsbarkeit zu bringen. Hintergrund der Forschungen im Auftrag des Wissenschaftsministeriums ist eine Entschließung des Nationalrates vom Juli 1999.

Gegen die FPÖ beschlossen SPÖ, ÖVP und Grüne damals, eine rechtliche Rehabilitierung der Opfer herbeizuführen. Denn die Aufhebung ihrer Urteile war nach 1945 trotz rechtlicher Möglichkeiten weitgehend ausgeblieben. "Die Ergebnisse des Projektes sollen auch als Grundlage zur Herbeiführung entsprechender Gerichtsbeschlüsse dienen", so Manoschek.

NS-Militärjustiz

Mit den auf zwei Jahre angelegten Untersuchungen betritt Manoschek national und international wissenschaftliches Neuland: "Bisher haben sich Forschungen zur NS-Militärjustiz auf lokale Studien oder Einzelaspekte beschränkt, unser Projekt zielt auf eine Gesamterfassung der österreichischen Opfer der NS-Militärgerichte." Gemeinsam mit seinen fünf Mitarbeitern hat der Politikwissenschafter im vergangenen Jahr zigtausende Akte im Prager Militärarchiv, im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, in den österreichischen Landesarchiven und im deutschen Bundesarchiv in Aachen gesichtet. "Insgesamt konnten wir bisher rund 2.500 Österreicher ausfindig machen und in unsere Datenbank aufnehmen," sagt Manoschek.

"Fahnenflucht"

Etwa 1.000 der erfassten Fälle betreffen das Delikt Fahnenflucht. Überraschend ist für die Wissenschafter der hohe Anteil der Desertionen an der Front. Zwei Drittel der für das Jahr 1944 bisher erfassten 556 Fahnenflüchtigen desertierten in unmittelbarer Nähe der Hauptkampflinien vor allem in Italien, aber auch in Frankreich und Russland. Dieser "Treuebruch gegenüber dem Führer", wie es in den NS-Richtlinien hieß, kostete aber auch tausenden Wehrmachtssoldaten das Leben.

Todesurteile

Historiker gehen von insgesamt 25.000 Todesurteilen der Wehrmachtsjustiz gegen Deserteure und Wehrmachtszersetzer aus, ein Großteil davon wurde vollstreckt. Der terroristische Charakter der NS-Militärgerichtsbarkeit wird aber nicht zuletzt anhand der drastischen Bestrafung von Bagatelldelikten deutlich: "Wer einmal in die Maschinerie des NS-Militärstrafvollzugs geriet, konnte ihr in der Regel bis Kriegsende nicht mehr entrinnen," erklärt Manoschek.

Zugang zum Staatsarchiv

Ein wesentlicher Teil der Arbeit steht den Wissenschaftern aber noch bevor. Nach monatelangem Warten erhielt das Team am Montag endlich einen positiven Bescheid der Datenschutzkommission für den Zugang zum österreichischen Staatsarchiv. Dort liegt ein für das Projekt essenzieller Aktenbestand: "Es handelt sich um 14.000 Kriegsgerichtsakte der Wehrmachtsdivision 177, die in Wien stationiert war. Die Akte betreffen überwiegend Österreicher," so Manoschek. Hier fällt das mühsame und zeitraubende Ausfiltern nach der Nationalität der Wehrmachtssoldaten großteils weg.

"Österreichs Opfer isoliert"

Neben der systematischen Analyse der Delikte, Motive und Strafurteile führen die Wissenschafter auch Interviews mit Opfern der NS-Militärjustiz durch. Die Suche nach noch lebenden Personen gestaltet sich aber äußerst schwierig, wie Manoschek berichtet. "Das hat vor allem mit der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung als Opfergruppe zu tun." Im Unterschied etwa zu Deutschland, wo eine Vereinigung von Opfern der NS-Militärjustiz existiert, seien die Opfer in Österreich isoliert. Mit Hilfe von Meldeämtern konnten bisher aus einer Liste von 800 Namen noch 55 lebende Personen eruiert werden, sechs waren schließlich bereit, den Forschern ihre Erfahrungen mit der NS-Militärjustiz und der Nachkriegsgesellschaft zu erzählen.

Die Projektgruppe unterstützt die Betroffenen aber auch bei Ansuchen um finanzielle Entschädigung beim Nationalfonds für NS-Opfer. Im Nationalfonds hieß es dazu auf Anfrage, man habe einige Einzelfälle anerkannt. Neben der juristischen Rehabilitierung sei den Wehrmachtsdeserteuren nach 1945 nämlich auch eine Entschädigung für die erlittene Verfolgung weitgehend versagt geblieben. (APA)

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