Heribert Hirt, der internationale Zellforscher

28. Jänner 2002, 19:58
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Dass ihn sein Weg ohne Umschweife in das Institut für Mikrobiologie und Genetik der Uni Wien geführt hätte, lässt sich von Heribert Hirt nicht behaupten. Er kam eher im Zickzack - stets bereit, seine Richtung zu korrigieren. Eine Strategie mit Erfolg: Im vergangenen Juli wurde der 45-Jährige für seine Arbeiten über die Zellteilung bei Pflanzen mit dem knapp 1,5 Millionen Euro schweren Wittgensteinpreis ausgezeichnet.

Geographisch war der Weg dorthin weit. Geboren wurde Hirt in Persien, sein Vater war deutscher Ingenieur. Fünf Jahre später kehrte die Familie heim nach Mönchen-Gladbach. Es folgte Tübingen, wo Hirt die Schule besuchte. "Ohne jegliches Interesse an Biologie", wie er sagt. Doch als ein junger Lehrer kam, der die ersten molekularbiologischen Erkenntnisse mitbrachte, fing der Schüler Feuer und beschloss, Medizin zu studieren.

Die Eltern lebten inzwischen in Kapstadt, Hirt folgte und inskribierte. "Doch das Klinische interessierte mich nicht, ich wollte nur wissen, wie Krankheiten auf molekularer Ebene entstehen, und sattelte um auf Biochemie."

Die schloss er ab. In Südafrika zu bleiben kam jedoch wegen der Apartheid nicht infrage. Zusammen mit einem Freund zog es ihn in die Schweiz, nach Basel, an das Friedrich-Miescher-Institute der Novartis Research Foundation.

Der Freund fuhr vor, sollte sondieren, schlief aber im Zug ein. Als er aufwachte, war er in Wien. Ging zur Uni und blieb. Freund Hirt ließ sich überzeugen.

Er diplomierte über Neuronen, dissertierte über Wachstumshormone und bekam ein Forschungsstipendium für Oxford, bei Paul Nurse, dem Genetiker, der heuer mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. "Nurse untersuchte damals, wie die Zellteilung bei der Spalthefe kontrolliert wird", berichtet Hirt, "und fragte sich, wie das wohl die Pflanzen machen. Diesem Rätsel bin ich dann am BioCenter in Wien nachgegangen. Zuerst musste ich aber Botanik lernen."

Schon bald gelang es ihm, erstmals nachzuweisen, dass die Zellteilungsmaschinerie der Pflanze ganz ähnlich funktioniert wie die von Mensch, Tier und Pilz. Hauptregulator der Zellteilung ist bei allen das Molekül CDK.

Das war vor zehn Jahren. "Was mich heute am meisten interessiert", sagt Hirt, "ist die zelluläre Bioinformatik, die Frage, wie die Pflanze Umweltfaktoren aufnimmt und darauf regiert. Und wie Bakterien und Pilze mit ihrem Wirt interagieren." Elf europäische Teams arbeiten dazu unter seiner Leitung in einem multidisziplinären Ansatz.

Dass Hirt heute noch in Wien lebt und forscht, "ist meinen beiden Kindern zu verdanken und hauptsächlich meiner Frau, einer echten Wienerin". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 1. 2002)

Von Heide Korn
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