Wahlalter: Wie einst beim Frauenwahlrecht

29. April 2003, 11:06
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Der Jugendpsychologe und Psychotherapeut Heinz Zangerle argumentierte in einem Gastkommentar gegen die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre (der Standard , 26. 1.). Er schloss mit der alten Bauernweisheit "Was früh reift, fault auch schnell". Hier eine Replik der Sozialsprecherin der Grünen Wiens.

Nichts gegen alte Bauernweisheiten, aber vielleicht sind sie doch besser auf dem Kalender unter dem Herrgottswinkel angebracht. Früh reifende 16-Jährige, die als Folge der Herabsetzung des Wahlalters mit 30 zu faulen beginnen, sind ungefähr so schlüssig wie die Argumente der Christlichsozialen und des katholischen Frauenbundes vor der Einführung des Frauenwahlrechtes.

Gemeinsam haben die Argumente, dass das Verweigern des Wahlrechtes als Schutz der betroffenen Personen und des ganzen Staates dargestellt wird. So meinte Ignaz Seipel 1917, das Frauenwahlrecht sei abzulehnen, denn es würde politischen Zwiespalt in die Familien bringen. Ein weiterführendes Argument meinte, "das in solcher Weise vernachlässigte Familienleben könne zur Schwächung des Staates insgesamt führen".

Nachdem der Versuch, die Frauen, die Familie und den Staat durch die Verweigerung des Frauenwahlrechtes zu schützen, danebengegangen ist, nimmt die ÖVP derzeit Anlauf, die Jugend vor sich selbst und den Staat vor der Jugend zu schützen. Sie kann sich bei Herrn Zangerle noch etwas abschauen, denn ein so drastisches Bild wie jenes der früh faulenden Früchte ist ihr bislang nicht eingefallen.

Wer wird gerettet?

Wer also wird diesmal durch Verweigerung des Wahlrechtes gerettet? Es ist die Jugend, die andere Rechte deshalb aufgeben müsste und dadurch ihre Jugend verlöre. Zangerle entwirft nämlich die These, dass nur, wer erwachsen ist, wählen darf. Kurz darauf erfahren wir, was seiner Meinung nach erwachsen sein heißt. "Jugendliche haben ein Anrecht auf Pubertät, auf überschießende Meinungen, auf Denkirrtümer und Fehler, auf die Unausgegorenheit ihrer Ideen, ein Recht auf Utopie und Fantasie." Weil also Jugendliche diese Rechte haben, können sie das Wahlrecht eben noch nicht haben, denn sie sind noch nicht erwachsen. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass Erwachsene kein Anrecht auf Entwicklung haben (sie sind schon fertig), keine überschießenden Meinungen äußern, keine Denkirrtümer und Fehler begehen dürfen und ihre Ideen stets ausgegoren sind. Vor allem heißt erwachsen sein nach der Logik des Autors, keine Utopien mehr zu haben und keine Fantasie zu entwickeln.

Und dieser Zustand schießt offensichtlich am Morgen nach dem 18., keinesfalls aber nach dem 16. Geburtstag ein (1918 war es übrigens noch der 20. Geburtstag).

Auch Erwachsene irren

Der Autor muss jedenfalls ganz erstaunliche Alltagserfahrungen gesammelt haben, um dieses hehre Bild der Unfehlbarkeit von Erwachsenen entwickeln zu können. Denn die meisten Erwachsenen, die ich kenne, begehen Denkirrtümer und Fehler, haben überschießende Meinungen, und viele leisten sich zum Glück auch noch den Luxus, Utopien und Fantasie zu haben. Dennoch haben Erwachsene das Wahlrecht, ohne einen Verhaltenstest bestehen und ohne ihre kognitive, soziale und emotionale Intelligenz nachweisen zu müssen.

Sie sind wahlberechtigt, weil sie 18 sind, auch wenn sie stockdumm, uninformiert, denkfaul und nicht kritikfähig sind, ja sogar wenn sie die Kronen Zeitung als einzige Informationsquelle nutzen. Eine kleine Anleihe beim Grazer Volksblatt aus dem Jahr 1913 gefällig? Hier steht zu lesen, die Frau sei "viel zu impulsiv, zu nervös, um sich mit Wahlen und Politik abzugeben".

So genannte wissenschaftliche Untersuchungen, nach denen die Gehirne der Frauen leichter und ihre Nerven schwächer und weniger widerstandsfähig als die der Männer seien, sollten die Argumente untermauern. Ich bin sicher, dass sich irgendwo eine kleine Studie zu diesen überschießenden und unausgegorenen Meinungen der Jugendlich en auftreiben ließe, wäre ja gelacht, wenn sie nicht noch kleinere Gehirne hätten.

Viele Jugendliche wollen gar nicht wählen, auch das ein immer wiederkehrendes Argument, und auch bei Zangerle darf es nicht fehlen. Stimmt. Hier wieder eine kleine Anleihe beim Frauenwahlrecht. Der christliche Frauenbund (damals die wichtigste Organisation der katholischen Frauenbewegung) war der Ansicht: "Eine Frau, die in echt katholischer Gesinnung Söhne erzieht, hätte mehr für den politischen Fortschritt und die wahre Emanzipation des weiblichen Geschlechts getan, als alle Wahlrechtsdamen der Welt mit ihren höchst zweifelhaften Sitten insgesamt." Übrigens waren nach Einführung des Frauenwahlrechts gerade die christlichsozialen Wählerinnen bei der Stimmabgabe besonders eifrig. Also was soll's, es gibt Schulen mit Mehrheiten für und gegen das Herabsetzen des Wahlalters. Eine demokratische Einstellung spricht für die Herabsetzung, damit jene, die wollen, wählen gehen können.

Auf ein Argument Zangerles möchte ich noch eingehen, und das ist jenes vom Stimmvieh. Nachdem schon der Vergleich mit faulenden Früchten für olfaktorische Typen wie mich aufreizend ist, stinkt nun aber der Vergleich mit Vieh überhaupt zum Himmel. Es geht nicht um die Einführung der Wahlpflicht (plötzlicher Schwenk der Christlichsozialen nach Einführung des Frauenwahlrechtes), es werden keine Herden von 16-Jährigen ins Wahllokal getrieben, sondern es geht um ein Recht, das längst überfällig ist, denn wer keine Stimme hat, wird nicht gehört.

Und da hat Zangerle ganz Recht: Nach diversen Sparpaketen wurde den Jugendlichen der finanzielle Hahn kräftig zugedreht. Es werden noch viele Pro- und Kontra-Argumente kommen. Um aber die Skurrilität des Gedankenaustausches anlässlich des Frauenwahlrechtes zu übertreffen, müsste die folgende Begründung überboten werden: Da Frauen keine "Blutsteuer" (Wehrdienst) zahlten, seien sie auch nicht wahlberechtigt. Wer bietet mehr?

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1. 2002)

Kommentar von Susanne Jerusalem, Landtagsabgeordnete der Grünen in Wien.
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