Ein neues Gesicht

28. Jänner 2002, 19:15
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Der Albtraum in Israel nimmt kein Ende - Diesmal war die lebende Bombe eine Frau - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Der Albtraum in Israel hat wieder ein neues Gesicht, diesmal war die lebende Bombe eine Frau. Ganz unbekannt ist das Phänomen nicht - im vergangenen August hatte eine Palästinenserin versucht, im zentralen Busbahnhof von Tel Aviv eine Bombe zu platzieren (auch diesmal gibt es deshalb Spekulationen, ob die Jerusalemer Attentäterin vom Sonntag wirklich sterben wollte oder ob die Bombe nicht vielleicht zu früh explodierte).

Ein besonders abstoßender politischer Kriminalfall voriges Jahr involvierte eine Palästinenserin, die einen Israeli nach Jerusalem lockte, von wo er entführt und dann umgebracht wurde. Während der Jahre des internationalen palästinensischen Terrorismus traten immer wieder Frauen hervor; die berühmteste war die Flugzeugentführerin Leila Khaled von der Radikalen Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Noch ist der Werdegang der jetzigen Attentäterin nicht klar, aber die Zeiten haben sich geändert: Dreißig Jahre nach Leila Khaled erwartet man wohl eher einen islamistischen als einen marxistischen Hintergrund bei einer Terroristin (auch der Todeswunsch war den Terroristen der Siebzigerjahre fremd). Für die Israelis aber die wichtigste und die beunruhigendste Erkenntnis ist, dass das Täterprofil ganz prinzipiell nicht mehr stimmt, das da lautete: männlich, jung, unverheiratet, womöglich mit zumindest angedeutetem Bart. Der potenzielle Selbstmordattentäter muss nicht einmal aus den besetzten Gebieten stammen: Im September war es ein israelischer Araber, 54 Jahre alt und Familienvater.

Und die wichtigste Frage, wie und von wem diejenigen gestoppt werden können, die sich vielleicht gerade in diesen Minuten für die "Mission" richten, möglichst viele Israelis mit in ihren eigenen Tod zu reißen, kann auch niemand beantworten. Weil sie das nicht können, haben sich soeben die USA aus der Nahostdiplomatie zurückgezogen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 29.1.2002)

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