Der Habitus der Hausausschreiber

28. Jänner 2002, 20:21
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Kulturstadt Berlin, du hast es besser

von Ronald Pohl


Berlin - Wenn vom Werk des großen Soziologen Pierre Bourdieu etwas zurückbleiben wird, so ist es der "Habitus". Mit diesem Begriff wäre zum einen das Selbstbild des soziologischen Krisenmanagers gemeint, der auf der Grundlage einer mit Daten reich gefütterten Analyse in die zerbröckelnde Gesellschaft lenkend eingreift.

Foto: REUTERS/Arnd Wiegmann
Potsdamer Platz, Berlin

Vom Museumsleiter bis zum Kommunaldezernenten wissen alle längst das dazugehörige Zauberwort: Die Gesellschaft sei unübersichtlich geworden und deshalb leider "fragmentiert". Man könnte, nicht nur im Hinblick auf die Einwanderungsdebatte, auch sagen: Die Gesellschaft sei "wegen Fragmentierung" geschlossen.

Bourdieu: Kein Rückzug auf eingeschliffene Diskurse

Bourdieus Bedeutung bestand nicht zuletzt darin, dass er die Bestellung der "Felder", aus denen die moderne Wissensgesellschaft komplex aufgebaut ist, nicht einfach den Experten überließ. Die Konstruktion ausbeutungsfreier Verhältnisse duldet eben keinen Rückzug auf die eingeschliffenen Diskurse.

Der "Habitus", welcher den Wortführern auf den Meinungsmärkten verlässliche Unterscheidungsmerkmale in die Hände spielt, zeugt andererseits auch von der Atomisierung gesellschaftlicher Interessen. Vereinzelung ist nicht nur ein demographisches Phänomen: Vom traurigen Selbstgenuss der "Singles" in den urbanen Ballungsräumen erzählen die Angebote einer "Erlebnisgesellschaft", die auf der Grundlage potenzieller Gleichheit die Unterschiede von Kaufkraft und Geschmacksbildung zelebriert.
Wie gehen aber die letzten Generalisten unter den kommunalen Aufwärtern mit der verwirrenden Sachlage um? Ein Blick in das verschuldete Berlin schärft die Augen: Dort begegneten einander unlängst der neue Kultursenator, Thomas Flierl (PDS), und dessen bürgerlicher Vorgänger, Christoph Stölzl, um im Streitgespräch die Bedingungen für kulturelles Wachstum festzulegen (F.A.Z. vom 25. Jänner).


Zwei Bürgerparteien

Denn während hierzulande die Kulturpolitik im schnöden Centverteilen eine arme Figur abgibt (man denke an Graz), berühren andernorts Kulturdiskurse gleich die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Flierl und Stölzl krachen in der Frage nach der Schlossplatzbebauung zwar durchaus heftig aneinander.

Aber sie finden in der Bestimmung bürgerlicher, mithin "habitueller" Kulturausübung auch wie von selbst wieder zueinander. Mit dem einen großen Unterschied, dass Flierl ausgerechnet für die SED-Nachfolgerin PDS die Repräsentation "östlicher Bildungsschichten" für sich reklamiert: Als ob ein Bündnis der traditionellen PDS-Milieus mit den Charlottenburger West-Zahnärzten kein klarer Fall wäre: von Verrat am Klassenstandpunkt.
Dergleichen sauber diskutierte Beiträge zur kulturellen Grundlagenforschung, die offenbar auch vom "Bürgertum" als Kulturträger nicht ganz absehen können, machen einen elementaren Mangel hierorts deutlich: Wenn nichts mehr geht in Wien, Graz oder Deutsch-Wagram, wenn von möglichen Zielvorstellungen nur Unklares gewusst wird - wird vollmundig ausgeschrieben. Wird privatisiert. Werden Kostenprüfer in die zerbröckelnden Theater geschickt. Wird etwas vom "Mozart-Jahr" 2006 wolkig dahergeredet.
Alles wie gewohnt? Alles habitualisiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.01. 2002)

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