Magie des Tragischen

28. Jänner 2002, 20:23
posten

Alan Curtis dirigierte zum Resonanzen-Finale einen Händel-Opernabend

von STANDARD-Mitarbeiterin Beate Hennenberg

Wien - "Stellen Sie sich die Stimmung vor, die den Atem stocken lässt: Melissa nimmt in einer zu Herzen gehenden Arie Abschied, das Licht erlöscht allmählich, die Worte sind nur noch hingehaucht. Und bevor sie das letzte aussprechen kann, stirbt sie." So hat es Händel in der Oper Amadigi di Gaula gewollt; das Autograph, das Alan Curtis einsah, gab ihm Recht gegenüber Spezialisten, die in der Gesamtausgabe die Sterbeidee ignorierten und die fehlende Silbe hinzufügten.

Nur, die Wirkung ist original viel größer, was Il Complesso Barocco mit ihrem Leiter Curtis beim Resonanzen-Abschluss bewiesen. Opernhightlights zu präsentieren geht ihm zwar sonst gegen den Strich, lieber dirigiert er das ganze Werk. "Aber als das Konzerthaus anfragte, ob ich einen Abend zum Thema ,Magische Zauberinnen' bei Händel gestalten könne, stand das Programm vor mir, sofort."

Junge Helden

Er wählte jene Händelschen Magierinnen, die ihren Zauber einsetzen - "also Sex" -, um sich einen jungen Helden zu fassen. Weil der sich aber nie so wirklich verliebt in die Alte, geht regelmäßig alles schief. Mit Alcina, Armida, Medea und Melissa im Zentrum der Nervenzusammenbrüche entstand jedoch Händels dramatischste Musik.

Curtis ist an vielen Opernwiederbelebungen beteiligt. Er war in seiner amerikanischen Heimat der Universität von Kalifornien lange als Lehrer verbunden, spielt er doch neben allen Tasteninstrumenten auch Blas- und Streichinstrumente. Seit längerem lebt er in Italien. Bevor er Werke aufnimmt, überprüft er die Angaben der Komponisten genau: Chrysanders Partitur- ausgabe von Arminio sowie das Textbuch konnte er von vielen Fehlern befreien. Die Händel-Ausgabe Halle hat schon angefragt, ob Curtis mit Forschungsergebnissen behilflich sein könne. Etwas Bedauern schwingt in der Stimme: "In Italien ist es unmöglich, gleichzeitig ein ,musicologo' und ein ,musicista' zu sein, anders als in Amerika."

Kaum zu glauben, dass Il Complesso Barocco zum ersten Mal in Wien auftraten. Simone Kermes und Gloria Banditelli gestalteten die tragisch aneinander geketteten Figuren halbszenisch. Sie wie auch das Orchester waren punktgenau zusammen.

Spannungsfeld zwischen Männern und Frauen

Donna Leon, dramatischen Sujets von Haus aus zugetan, las aus eigenen einschlägigen Texten. Hauptthema: natürlich das Spannungsfeld zwischen gefühlsarmen oder undankbaren Männern und rachsüchtigen Frauen. Curtis war erstaunt, als ihm Freund Nikolaus Harnoncourt von internationalen Erfolgen berichtete und davon, dass er in Wien keine Chance habe.

Dass dies jetzt ganz anders aussieht, ist für Curtis ein Zeichen aufbrechender Leidenschaft fürs Barock. Er schwärmt auch von der Sammlung alter Musikinstrumente in der Hofburg, gibt aber zu bedenken: "So toll die Instrumente sind, automatisch schöne Musik lässt sich damit nicht machen. Ich habe aber viel von ihnen gelernt, was möglich ist oder nicht - etwa anschlagtechnisch."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.01. 2002)

Share if you care.