Das Klagenfurter Spiel vom breiten Manne

29. Jänner 2002, 11:56
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"Der Sturz" - Ein Requiem auf Milosevic von der Belgrader Autorin Biljana Srbljanovic

Ein Requiem auf Milosevic stimmt die Belgrader Autorin und Standard-Kolumnistin Biljana Srbljanovic in "Der Sturz" an.


Klagenfurt - Ein bedrückendes Bild: ein Käfig, darauf ein Sarg mit dem Leichnam Titos, eine junge Frau mit Videokamera und eine alte Frau, die den perfekt drapierten Verblichenen (ein beneidenswert ruhiger Rolf Holub) beklagt - mit diesem Szenario beginnt Der Sturz, Biljana Srbljanovics bedrückendes Drama über die Zeit in Serbien vor dem Start der Nato-Angriffe.

Die Katastrophe eines Volkes inszeniert als "Familien"unglück

Erschreckend eindringlich inszeniert von Zdravko Haderlap, lässt die Autorin die Katastrophe, die ein ganzes Volk in ein unabsehbares Unglück gestürzt hat, in einer "Familie" passieren. Dergleichen Mimikry, welche despotische Willkür im familiären Umfeld verwurzelt, entspringt einer gesunden "absurden" Tradition: Schon Alfred Jarry brachte in seinem König Ubu die Shakespeare-Könige schließlich auf ein spießbürgerliches Maß herunter.

Das Kind (Karsten Rühl) steht hier ein für das Volk: Es mutiert vom unterdrückten, unmündigen Kleinkind zur gehorsamen, jeden noch so brutalen Befehl ausführenden Masse, die mehr oder minder freiwillig zum Abschlachten auf das Kriegsfeld marschiert. Rühl wird im Stadttheater Klagenfurt zum alles hinterfragenden Teenager, zum faszinierten Mitläufer und, am Ende, zum neuen, konformistischen Bürger, der sich von seiner Vergangenheit "auf die Schnelle" verabschiedet.

Die Übermutter: "Ich verlange, dass alle gleichzeitig einatmen"

Die Übermutter, jene Dame, die den Schrecken der Diktatur Milosevics gebiert und unersättlich Reichtum und Macht begehrt, ist mit Brigitte Antonius trefflich besetzt. Sie bekennt vollmundig: "Der Führer wird von der Mutter bestimmt. Ich verlange, dass alle gleichzeitig einatmen, und führe den Tod als Pflicht ein." Mit erschreckender Eindringlichkeit spuckt die Übermutter ihre "Wahrheiten" und "Befehle" aus, die einem nur zu bekannt vorkommen und mehr als deutlich machen, wie ungestört und mit welch grausamen Mitteln der Mechanismus "Macht" zu arbeiten vermag.

Marionetten-Talk

Schwach und selbstmordgefährdet die Opposition, eindringlich dargestellt von der Schwägerin (Kirsten Hartung) der Übermutter, deren Mann bereits getötet wurde. Der Diktator (Alexander Mitterer) selbst ist eine Marionette: Er lässt töten, wenn die Übermutter dazu den Befehl erteilt, und sonnt sich in seiner Macht, die den Tod Hunderttausender ungesühnt beschließen darf.

Das Prinzip des Bösen

Das Prinzip des Bösen erhält ausgerechnet in der Form zweier Intellektueller auf der Bühne Einzug (Maximilian Achatz und Peter Raab). Sie bereiten den "Samen" Nationalismus auf, bringen ihn zum Treiben und Blühen und füllen ihre Taschen mit der einträglichen "Ernte".

Eindringlicher als mit diesem Sturz hätte man den Beginn der Ära Milosevic nicht vor Augen führen können. Eine Familie zur Darstellung des Schreckensregimes inklusive Intellektueller, Opposition und dem alles besser wissenden Beobachter aus der Ferne, dem wirtschaftlich erstarkten Europa, zu nehmen, ist schlichtweg genial. Einer solchen Machtstruktur gehorcht "das Volk": der Gewohnheit sei Dank, von Kindesbeinen an. (UHK)
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.01. 2002)

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