Schläfriges Österreich: Bernd Saletu analysiert die heimischen Schlafgewohnheiten

4. Februar 2002, 12:16
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Jeder vierte Österreicher leidet an Schlafstörungen. Der Wiener Schlafforscher Prof. Bernd Saletu analysiert im Interview mit mymed.cc die Schlafgewohnheiten der Österreicher.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Saletu, als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung können Sie uns sicher sagen, wie ausgeschlafen die Österreicher sind.

Saletu: Nicht sehr, denn immerhin leidet jeder Vierte in diesem Land an Schlafstörungen. Die Folge ist oft eine latente Tagesmüdigkeit, die durchaus lebensgefährliche Konsequenzen haben kann. Studien haben gezeigt, dass viele Autounfälle und Arbeitsunfälle auf Schlafdefizite zurückzuführen sind. Abgesehen davon kann ein chronisches Schlafdefizit Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen nach sich ziehen.

mymed: Schlafen die Österreicher zu wenig?

Saletu: Eine repräsentative Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung hat folgendes gezeigt: 63 Prozent der Österreicher schlafen zwischen 7 und 8 Stunden täglich, 9 Prozent schlafen 9 Stunden, 3 Prozent 10 Stunden und 1 Prozent 11 Stunden pro Tag. 17 Prozent kommen mit 6 Stunden aus, 6 Prozent mit 5 Stunden und 1 Prozent hat angegeben, nur 4 Stunden Schlaf zu benötigen.

mymed: Hat jeder Mensch das gleiche Schlafbedürfnis?

Saletu: Nein, wie viel Schlaf man braucht, hängt von der individuellen Konstitution ab. Frauen brauchen im Durchschnitt etwa eine Stunde mehr Schlaf als Männer. Mit zunehmendem Alter nimmt das Schlafbedürfnis bei allen Menschen langsam ab. Schlafstörungen beginnen bei Frauen etwa ab dem 50-sten Lebensjahr, bei Männern etwa ab 55.

mymed: Welche Schlafstörungen sind am meisten verbreitet?

Saletu: Wir kennen 82 verschiedene Schlafstörungen, von Einschlaf-, Durchschlaf- und Ausschlafstörungen bis zur Parasomnie, dem Schlafwandeln, und Störungen des zirkadianen Schlafrhythmus durch Jet-Lag oder Schichtarbeit. Zum Einschlafen braucht die Mehrheit 10 bis 15 Minuten, jeder vierte aber länger als eine halbe Stunde, was auf Dauer zu einem Schlafdefizit führen kann. Eine weitere Ursache für Schlafdefizite ist der heutige Trend, möglichst viel an einem Tag unterbringen zu wollen. Nach der Arbeit noch Sport, Gesellschaft, Kultur - man versucht, seinen Tag zu verlängern. Das Resultat ist, dass 29 Prozent aller Österreicher über Tagesmüdigkeit klagen, 14 Prozent sogar über Tagesschläfrigkeit.

mymed: In Managementseminaren wird häufig das sogenannte "Power-Napping" oder der Blitzschlaf zur Erholung zwischendurch gepredigt. Wie gut funktioniert diese Entspannungstechnik?

Saletu: Das in Mode gekommene Power-Napping passt sehr gut in unsere Gesellschaft, in der es gilt, nichts zu versäumen und den Tag so lange wie möglich auszunützen. Tatsächlich hat ein kleiner Blitzschlaf zwischendurch einen gewissen Erholungseffekt. Zu Beginn wird im Körper das Wachstumshormon ausgeschüttet, das die Erholungs- und Reparaturprozesse im Körper anregt. Beim Aufwachen wird Cortisol ausgeschüttet, das uns wach und aufmerksam macht. Studien haben gezeigt, dass der Blitzschlaf einen umso größeren Erholungseffekt hat, je kürzer er ist. Ein Mittagsschlaf, der länger als 20 Minuten dauert, hat eine größere Schlaftrunkenheit zur Folge.

mymed: Kann mittels Power-Napping ein Schlafdefizit während der Nacht ausgeglichen werden?

Saletu: Das ist ein großer Irrtum, denn während der tiefen Nachtschlaf-Phasen finden wichtige Speicherprozesse im Gehirn statt. Ein Blitzschlaf kann dagegen maximal einen kurzfristigen Erholungseffekt bewirken. Das ist ungefähr so, als hätte man, sagen wir, zwei Millionen Schilling Schulden. Da bringt eine Einnahme von 100.000 Schilling auch nur eine kurzfristige Erleichterung.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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