Schwedens populärste Bürgerin kämpfte auch für Tierschutz, für menschliche Behandlung von Flüchtlingen und gegen zu hohe Steuern
Wien - Seit vielen Jahren führt sie unangefochten und
haushoch die (Umfrage-)Liste nach der beliebtesten Persönlichkeit
Schwedens an, sie wurde auch als populärste Schwedin des Jahrhunderts
gekürt: Mit Klassikern wie "Pippi Langstrumpf" oder "Wir Kinder aus
Bullerbü" hat Astrid Lindgren sich auch den Rang der weltweit
beliebtesten Kinderbuchautorin erobert, deren Bücher in über 70
Sprachen übersetzt und in mehr als 120 Millionen Exemplaren in aller
Welt verbreitet wurden. Im Alter von 94 Jahren ist sie nun in
Stockholm gestorben.
Credo: "mit Kindern über alles reden"
Um Ruhm, Prestige und Geld geht es nicht in den Büchern der Mutter
von Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Karlsson vom Dach, Michel
aus Lönneberga oder Kalle Blomquist, sondern um die viel wichtigere
Dinge im Leben nicht nur von Kindern: Liebe, Trauer, Tod, Abenteuer
und Freiheit. "Man soll die Kinder als Gleichberechtigte behandeln
und mit ihnen über alles sprechen" lautete ein Credo der Autorin.
"Villa Kunterbunt" in Lindgrens Heimatstadt Vimmerby
"Geborgenheit und Freiheit" in der eigenen Kindheit hat Astrid
Lindgren als entscheidende Triebfeder ihrer schrifstellerischen
Arbeit bezeichnet. Sie wurde am 14. November 1907 im Dörfchen Näs im
Smaaland geboren und wuchs in der nahegelegenen Kleinstadt Vimmerby
auf, wo Besucher heute einen Nachbau von "Villa Kunterbunt", Pippis
verrücktem Haus, bewundern können. Aus der Bauerstochter Astrid Anna
Emilia Ericsson wurde Anfang der vierziger Jahre die mit dem Chef
eines Autoklubs verheiratete Sekretärin und zweifache Mutter Astrid
Lindgren. 1944 veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch "Mai-Britt
erleichtert ihr Herz" und ein Jahr später "Pippi Langstrumpf".
Pippi soll zufällig entstanden sein
Kurz nach dem Krieg zog die Familie in die Dalagata in Stockholm,
wo die seit 1952 verwitwete und seit mehreren Jahren fast völlig
blinde und hörbehinderte Autorin bis zu ihrem Tod lebte. Der größte
aller Lindgren-Erfolge mit Pippi Langstrumpf soll eher zufällig als
mündliche Erzählung am Bett der kranken, siebenjährigen Tochter Karin
entstanden sein. Nach ihrem internationalen Erfolg mit ihrer
selbstbewussten rothaarigen Heldin brachte es Astrid Lindgren auch
mit Nachfolgebüchern wie "Die Kinder von Bullerbü", "Die Brüder
Löwenherz" und "Mio, mein Mio" auf weltweite Erfolge.
Lindgren-Museum
Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen.
darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1978), den
Internationalen Jugendbuchpreis (1993) und zuletzt 1994 den
Alternativen Nobelpreis. Zu ihrem 90 Geburtstag widmete ihr Schweden
7,5 Millionen Kronen (die Dotierung des Nobelpreises, von dem in
Schweden immer wieder gefordert wurde, dass er auch an
Kinderbuchautoren und damit an Lindgren vergeben werden sollte) zu
Schaffung eines eigenen Lindgren-Museums.
Engagiert
Auch nach dem Ende ihrer schriftstellerischen Arbeit Anfang der
neunziger Jahre beteiligte sich Astrid Lindgren aktiv in der
öffentlichen Debatte und engagierte sich für einen verbesserten
Tierschutz. Auch bei weniger populären Konflikten war Lindgren
streitbar, so wie sie in den siebziger Jahren öffentlich gegen eine
Einkommensteuer auf ihre Tantiemen von angeglich über 100 Prozent
polemisiert und später massiv gegen Schwedens Beitritt zur EU
Stellung genommen hatte, ebenso wie sie von der Regierung ihres
Landes eine anständige Behandlung von Flüchtlingen einforderte.
In den vergangenen Jahren war die seit 1952 verwitwete Autorin
fast völlig erblindet. Seit einigen Monaten war sie als Folge einer
Virusinfektion "sehr geschwächt gewesen", teilte ihre Tochter Karin
Nyman heute, Montag, mit. In ihrer Stockholmer Wohnung sei sie
schließlich "still und sanft" eingeschlafen. (APA/dpa)