Olympia: Rechte-Inhaber NBC bangt um Quote

28. Jänner 2002, 11:08
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545 Mio. Dollar, aber nur Aufzeichnungen - Sydney-Pleite darf sich nicht wiederholen

Im Hauptquartier der US-Fernsehkette NBC am Rockefeller Plaza von New York herrscht wenige Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City Unbehagen. NBC gab 545 Millionen US-Dollar (622 Mill. Euro/8,55 Mrd. S) für die Übertragungsrechte für Amerika aus, die Höhepunkte der Spiele an der US-Westküste werden aber nur als Aufzeichnung ausgestrahlt. Und das, obwohl die zeitverschobene Übertragung der Sommerspiele 2000 in Sydney für den Sender im finanziellen Desaster endete.

Mehr Werbeeinnahmen durch kompakte Zusammenfassung

"Ich halte diesen Weg für falsch. Hoffentlich schneiden wir uns damit nicht ins eigene Fleisch", kommentierte der für den Bereich Sport zuständige NBC-Vizepräsident Dick Ebersol seine Niederlage im Machtkampf mit den lokalen NBC-Stationen im Westen, die sich von einer kompakten Zusammenfassung am Abend mehr Zuschauer und dadurch mehr Werbeeinnahmen versprechen.

Noch ist die Pleite von Sydney aber in bester Erinnerung. Damals saßen in den USA 36 Prozent weniger Zuschauer als vier Jahre zuvor in Atlanta vor dem Fernseher. Ein erneutes Absacken käme dem Mediengiganten, der auf seinen drei Sendern NBC, CNBC und MSNBC insgesamt 373,5 Stunden aus Salt Lake City übertragen wird, teuer zu stehen.

Gratis Werbespots bei zu niedriger Quote ...

Die kürzlich beschlossene Entscheid, wieder auf Konserven zu setzen, liegt Ebersol schwer im Magen. "Im Notfall müssten wir wie in Sydney als Gegenleistung für zu niedrige Quoten einen Teil der Werbespots gratis ausstrahlen", erklärte er.

Ein Abspringen vom olympischen Zug kommt aber für NBC, das sich jenseits des Atlantiks stolz als "Olympias Heimat" bezeichnet, nicht in Frage. Ein 3,5 Milliarden Dollar (3,99 Mrd. Euro/54,9 Mrd. S) schwerer TV-Rechte-Vertrag garantiert der Kette das alleinige Übertragungsrecht bis ins Jahr 2008. Und spätestens nach den Sommerspielen 2004 von Athen sollen die ersten Gespräche mit dem IOC über eine Vertragsverlängerung beginnen. "Der amerikanische Fernsehzuschauer assoziiert Olympia schon heute mit NBC. Dafür haben wir lange und hart gearbeitet", betont Ebersol.

Hohe Quoten durch neue Übertragungstechniken

Kein Wunder, dass NBC auch in Salt Lake City keine Kosten und Mühen scheut, um die Massen mittels neuer Übertragungstechniken anzulocken. So werden die Abfahrer auf dem Bildschirm Seite an Seite mit dem von einem Computer erzeugten Führenden des Rennens ins Tal sausen. Die Nationalität von Eisschnellläufern wird mittels der virtuell aufs Eis produzierten Landesfahne des Teilnehmers dokumentiert, Eishockey-Übertragungen erfolgen dank einer Spezialkamera, die einen Winkel von 180 Grad produzieren kann, im Breitwandformat.

Teil-Sponsoring verboten

Doch in Zeiten, in denen sich der Trend zu kompakteren Spielen entwickelt, muss selbst der mit Abstand größte Geldgeber von Olympia Abstriche machen. Erstmals dürfen Athleten während der Eröffnungs- und Schlussfeier nicht mehr mit Mikrofonen ausgestattet werden. Zudem wurde NBC das in den USA heftig benutzte Teil-Sponsoring von Wettkämpfen (Der Ankick wird präsentiert von...) verboten. Solche Dinge sind nicht olympisch. Doch die Werbung leidet insgesamt nicht darunter. Mehr als 90 Prozent der bis zu 600.000 Dollar (684.385 Euro/9,42 Mill. S) teuren 30- Sekunden-Werbespots sind ausgebucht.

Ein Ausspruch von Avery Brundage ist als einer der größten Irrtümer in die Sportgeschichte eingegangen: "Olympia ist 60 Jahre lang ohne Fernsehen ausgekommen, und Olympia wird auch die nächsten 60 Jahre gut ohne TV leben können", wurde der IOC-Präsident einst zitiert. Kurz darauf zahlte der US-Sender CBS erstmals 50.000 Dollar für die Winterspiele 1960 in Squaw Valley - und löste eine Lawine aus, die niemand mehr stoppen konnte. Für Salt Lake City kassiert das Internationale Olympische Komitee von Fernseh-Sendern weltweit insgesamt 745 Millionen Dollar (850 Mill. Euro/11,69 Mrd. S) . 60 Prozent gehen an den Veranstalter, 40 Prozent in die "olympische Familie".

Straßenfeger Eishockey

Mitte der 80-er Jahre explodierten die Preise. Von 15,5 Mio. Dollar (17,1 Mill. Euro/235 Mill. S) für Lake Placid 1980 auf 309 Mio. (352 Mill. Euro/4,85 Mrd. S) für Calgary 1988. Dafür gab es in Kanada vier neue zusätzliche alpine Wettbewerbe (Super-G, Kombination) und die Premiere im Mannschaftsspringen. Und spätestens mit dem Einzug der Eishockey-Profis aus der NHL sind auch die Winterspiele zum Mega-Event für das Fernsehen geworden. In Nordamerika dürfte das Turnier der NHL-Dreamteams zum Straßenfeger werden und selbst Eiskunstlaufen in den Schatten stellen.

Showbühne für das Pay-TV

Wie in den USA wird beispielsweise auch in Deutschland das Eishockeyturnier weitgehend zur Showbühne für das Pay-TV. Kein einzelner Kanal kann sämtliche Spiele live übertragen, wenn er auch die Entscheidungen in anderen Sportarten berücksichtigen will. ARD/ZDF öffneten im Tausch für die Fußball-WM die Tür für den Pay-TV-Sender Premiere, der mit 190 Leuten während 430 Stunden berichten will. Das Ende des exklusiven "freien Fernsehens" bei Olympia ist damit praktisch vollzogen. (APA)

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