"Es gibt keine Kollektivschuld"

28. Jänner 2002, 13:18
posten

Die steirische Slowenin Josefa Prelog - Bäuerin, Autorin, Poetin, Querdenkerin - im Gespräch mit dieStandard.at über Identität und Geschichtsverlust

dieStandard.at: In ihrem Buch erzählen Sie auch von ihrer Kindheit und Jugend, geprägt von slowenischfeindlichen LehrerInnen, der Nazi-Zeit, dem Verlust des Vaters. Trotzdem scheinen Sie Ihren Erzählungen nach immer einen scharfen Geist und ein starkes Rückgrad behalten zu haben. Wie konnten Sie sich das erhalten?

Josefa Prelog: Ich hab ja nur 8 Jahre Volksschule besucht, aber ich hab immer viel gelesen. Philosophen, weiß Gott was alles, und vor kurzem hab' ich erst einen Bericht über Viktor Frankl im Fernsehen gesehen. Ein ganz außergewöhnlicher Mann, und der hat gesagt, es gibt keine Kollektivschuld. Und ich bin eigentlich auch der Meinung, dass man nicht ein ganzes Volk für gewisse Menschen verurteilen kann. Ich hab so viele Menschen kennengelernt, wunderbare Deutsche, die wirklich großartig waren.

dieStandard.at: Ihr Buch leistet damit auch einen Beitrag gegen das Verschweigen und Vergessen. Dass es doch auch Menschen gegeben hat, die nicht mit den Nazis sympathisiert haben.

Josefa Prelog: Ich könnte ja so viel erzählen, und das Buch ist ja auch wirklich in aller Schnelle geschehen. Es wäre noch so viel Relevantes zu berichten.

dieStandard.at: Wie ist denn Ihre Einschätzung nach heute die Akzeptanz des Slowenischen in der Steiermark? Wird Slowenisch von den jungen Leuten noch als Umgangssprache praktiziert? Die jungen Kärntner SlowenInnen praktizieren das zum Teil ja sehr selbstbewusst ...

Josefa Prelog: Ich hab' das Gefühl, dass da viel zu wenig getan wurde, zum Beispiel in den Schulen. Schon zu meiner Zeit war diese Sprache irgendwo verpönt, wir haben nicht einmal in den Pausen draußen Slowenisch reden dürfen. Und das hat die Leute dann irgendwie davon abgebracht. Auch jene, die von Slowenien rüber geheiratet haben, haben sich dann ziemlich schnell assimiliert. Die wollten dann nicht außen stehen, sondern auch dazu gehören und haben eher mit ihren Kindern deutsch gesprochen. Wir sind damals in die Schule gekommen ohne ein deutsches Wort.

Heute fängt man aber wieder an, die Notwendigkeit des Slowenischen zu entdecken. Und viele Kinder zweisprachiger Eltern denken sich, wie schade es eigentlich ist, dass sie nicht Slowenisch sprechen.

dieStandard.at: Mittlerweile müsste doch genug Wasser die Mur runter gelaufen sein, um die alten Partisanen-Ressentiments wegzuspülen ...

Josefa Prelog: Es verändern sich Sachen so lange nicht, das ist so traurig. Dass sich Menschen immer noch so an diese alten Vereine klammern, den Kameradschaftsbund zum Beispiel, ist einfach traurig. Da marschieren sie, daran halten sie sich fest. Sogar die, die gar nicht im Krieg waren. Das finde ich nicht richtig.

dieStandard.at: Es scheint, als würde das Slowenische ziemlich schwer seinen Touch des „Minderwertigen“ verlieren ...

Josefa Prelog: Genau, das ist es. Das hat ja eine lange Geschichte. Man kann das ja lange Zeit zurückverfolgen, bis in die Monarchie, dass die Slowenen nie einen höheren Posten bekommen haben. Das Selbstbewusstsein zu einer Sprache hängt mit dem Herzen zusammen. Wenn man Sprachen liebt, wenn man eine Sprache gern hat, dann kann eine jede schön sein. Und ich sehe die Sprache als Kapital. Ich finde beide Sprachen, die ich spreche, als gleich schön. Ich würde keinem sagen, dass er seine Sprache nicht sprechen darf.

Es wäre ein unheimlich großer Schaden, wenn diese Sprache sterben würde. Ein unheimlich großer kultureller Schaden.

Das Interview führte Elke Murlasits.

Share if you care.