Die Kunsthalle ist tot. Es lebe die Kunsthalle.

28. Jänner 2002, 10:32
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Adolph Krischanitz' neue Kunsthalle am Karlsplatz wurde eröffnet. Sie ist phantastisch geworden.

Von Ute Woltron


Selbstverständlich ist es nicht ganz fair, verschiedene Architekturen direkt miteinander zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind ihre Entstehungsgeschichten, die zur Verfügung stehenden Gelder und Nutzeransprüche, gar nicht zu reden von Umgebungen, Anrainern, Bauplätzen. Trotzdem kann gesagt werden: Das schnittigere Museumsquartier steht seit zehn Tagen in Form eines kleinen gläsernen Pavillons auf dem Wiener Karlsplatze zur Bespielung und Beschleunigung kreativer Ideenwelten bereit.

Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz hat dort auf einer der zahlreichen Verkehrsinseln eine neue, flüchtige Hülle für den Kunstbetrieb und dessen Produkte eingeparkt. Bereits am Tag vor der Publikumseröffnung in der vorvergangenen Woche wurde die gläserne Schachtel von ihrer künftigen Künstlerklientel im Rahmen eines Einweihungsfestes testgefahren und einstimmig für vorzüglich befunden. Der durchsichtige Glaskubus ist genau das, was der verkehrsumtoste Nicht-Ort zwischen Karlskirche, TU-Bibliothek und Stadtautobahn braucht: Eine preiswerte Architektur als Medium, ein Reagenzglas für künstlerische Interventionen, eine Ideen-Beschleunigungsmaschine für eine Szene, die sich in Marmorsälen und Stukkaturhallen nie richtig wohlfühlen wird.

Architekt Adolf Krischanitz hat mit dieser vordergründig einfachen Arbeit eine ausgesprochen schwierige Leistung zustande gebracht, die, man darf das ruhig so formulieren, nicht vielen Architekten zuzutrauen ist: Er hat sich selbst als Baukünstler in seiner kühl-analytischen Art zurückgenommen und lieber für die Kollegen Maler, Bildhauer, Fotografen, Neuemedienzampanos eine Herbergsstation für vorübergehende Aufenthalte gebaut. Ohne Anspruch auf Ewigkeit und Weihe, quasi distanzlos, brutal und direkt.

Foto:APA/KOLLER Gerhard/Kunsthalle Wien

Die Hülle selbst ist in ihrer einfachen Machart schon klass genug, doch richtig spannend wird sie durch die jeweilige Befüllung, und das ist etwas, was ein Architekt bewusst zulassen muss. Krischanitz hat so gut wie alles zugelassen: Der Galerieraum funkt seine Botschaft ungeniert direkt in den Stadtraum, was vor allem nächtens herrlich funktioniert, wenn draußen die Autos vorbeiflitzen, drinnen die Besucher vergleichsweise zeitlupenhaft und wie Aquarienbewohner ausgeleuchtet ihre Kreise ziehen. Irgendwie vermischen sich hier in dieser feinen Architektur die städtischen Temperamente - Geschwindigkeit, Kommunikation, Information werden zu einer Art urbaner Verrücktheit raffiniert, und das ist genau das, was dem Museumsquartier ein paar Straßenzüge weiter so schmerzlich abgeht.

Während man dort unter enormen Kraft-, Material- und Kostenanstrengungen über viele Jahre und zu Dutzenden den Prototyp einer Luxuskunstlimousine zurechtfeilen wollte, die alle gleichermaßen befriedigt, ist am Karlsplatz blitzschnell ein frecher Straßenflitzer aus einer Hand entstanden. Gang rein, Vollgas, ein paar ordentliche Runden, und die nächste Spritztour unternimmt wieder ein anderer. Leute wie Schiele und Klimt werden naturgemäß nicht darunter sein, die sind in den besagten Marmorhallen tatsächlich viel besser aufgehoben. Doch dass sich die jugendlicheren Kunstkräfte und Kreativköpfe im gut versteckten, nachgerade hinter der Vergangenheit verbarrikadierten Museumsquartier nicht wirklich zum Stelldichein zusammenfinden wollen, liegt unter anderem halt auch an der alten und neuen Architektur dieses weder weihevollen noch subversiven Nicht-Ortes.

Die neue Kunsthalle Karlsplatz führt letztlich vor Augen, welches Potenzial an Quicklebendigkeit ein großes Museumsquartier in Wien gehabt hätte, und wie viele Möglichkeiten der kurzsichtige denkmalpflegerische Wahn in dieser behäbigen Stadt verspielt hat. Der ehemalige Messepalast wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme zu einem Klagegemäuer herausgeputzt, hinter dem sich Kunst und Architektur nun brav ducken müssen. Die Architekten haben sich bemüht, eine wirkliche Chance, eine aufregende Kunst-Kultur-Begegnungsstätte zu schaffen, hatten sie allerdings nie, weil der Wille zur Erneuerung von Anfang an nicht da war. Auf die Frage, wie mit dem Stall- und Messepalastallerlei umzugehen wäre, hätte es nur eine Antwort gegeben: Dynamit.

Die unaufwendigere, einfachere, aber wirkungsvollere Kunsthalle Karlsplatz hingegen ist, was sie sein will: ein zeitgenössisches Transportmittel für zeitgenössische Kunst. Sie erreicht ihre Kundschaft, die Stadtbewohner, über viele Schleusen und hat alle Barrikaden radikal aus dem Weg geräumt. Das angeschlossene Café, schon zu Zeiten des größeren blau-gelben Kunstcontainervorgängers einer der beliebtesten Treffpunkte Wiens, ist ein wenig geräumiger geworden. Eine breite Holzterrasse hat den kiesigen Schanigarten ersetzt. Der neue Ort gleicht dem alten, er wurde auch sofort vom Stammpublikum aufatmend wieder in Besitz genommen. Die Kunsthalle ist tot. Es lebe die Kunsthalle.

(DER STANDARD, Printausgabe/ALBUM vom 26./27.1.2002)

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