Vernaderungsfaktor 2,8

27. Jänner 2002, 20:33
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Ungarn: Orbán-Berater rechtfertigt Buhlen um Rechtsextreme

Der Ausgang der Parlamentswahlen in Ungarn am 7. und 21. April ist nach wie vor offen. Drei von vier Meinungsforschungsinstituten sehen die oppositionelle Sozialistische Partei (MSZP) knapp vor dem regierenden konservativen Bund Junger Demokraten (FIDESZ). Voraussagen werden allerdings dadurch erschwert, dass die Vergabe von 176 (von 386) Parlamentsmandaten nach dem Mehrheitsprinzip in Einzelwahlkreisen entschieden wird. Absprachen vor der zweiten Runde können ein Erstrundenergebnis noch umkehren.

Während die Sozialisten mit den liberalen Freidemokraten (SZDSZ) rechnen können, steht Premier Viktor Orbán mit seinem FIDESZ ziemlich allein da. Nach dem Niedergang des Demokratischen Forums (MDF) und des korrupten Junior-Koalitionspartners Kleinlandwirte-Partei (FKGP) gibt es auf der Rechten nur noch die rechtsextreme Ungarische Wahrheitspartei (MIÉP) von István Csurka.

Mit dieser offen zu kooperieren, kann sich Orbán an der Schwelle zum EU-Beitritt nicht leisten. In diskreter Kooperation übte man sich ohnehin schon in der auslaufenden Legislaturperiode. Strategie des FIDESZ ist es nunmehr, dem peinlichen Partner möglichst viele Stimmen abspenstig zu machen. Orbán-Berater István Elek gestand es in einem Interview offen ein: Man könne es sich nicht leisten, "in diversen politischen Situationen die Stimmen der Unterstützer der radikalen Rechten zurückzuweisen". "Da darf man sich nicht schämen", fügte er hinzu.

Dass aber gerade im Umgang mit einer rechtsextremen und antisemitischen Partei alles seinen Preis hat, bekamen jüngst die in Budapest akkreditierten Korrespondenten zu spüren. Ein rechts-rechter Publizist, der offenkundig eine enge FIDESZ-MIÉP-Kooperation anstrebt, entfesselte eine Hass- und Verleumdungskampagne gegen sie, nachdem in einem regierungsnahen Blatt eine obskure Pseudostudie erschienen war, die mit Namen auflistete, welche Korrespondenten Ungarn madig gemacht hätten. (Der Verfasser dieser Zeilen landete mit dem "Vernaderungsfaktor" 2,8 auf dem ehrenhaften fünften Platz.)

In der TV-Sendung dieses Publizisten witzelte man über eine "kleine Kastration" als probate Methode zur Züchtigung der Unbotmäßigen, ein anderer Kollege wurde unter drastischer Darstellung seiner angeblichen privaten Verhältnisse in Nazi-Manier an den Pranger gestellt. Harte Bandagen, die davon künden, dass es bei den Wahlen nicht nur um einen Regierungs-, sondern auch um einen Richtungswechsel geht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2002)

Von STANDARD- Mitarbeiter Gregor Mayer aus Budapest
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