Marokkos "roter Prinz" geht ins Exil

27. Jänner 2002, 20:24
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Sein Engagement für demokratische Verhältnisse ist Moulay Hicham, dem Cousin des marokkanischen Königs Mohamed VI., schlecht bekommen

Rabat/Madrid - "Ich gehe", erklärte Moulay Hicham in einem Anruf der Zeitung El País. Der Cousin des marokkanischen Königs Mohamed VI. kündigte an, seine Heimat "für unbestimmte Zeit" mit Frau und Kindern Richtung USA zu verlassen, um so der "aufreibenden Anspannung", unter der er in Marokko lebe, ein Ende zu setzen.

Der "rote Prinz", wie der 37-Jährige oft genannt wird, führt seit längerem eine Auseinandersetzung mit Mohamed VI. über die Zukunft Marokkos. Dabei nimmt Moulay Hicham, der nach dem Tod seines Vaters zusammen mit Mohamed VI. und dessen Bruder Moulay Rachid im Palast seines Onkels, König Hassan II., aufgewachsen ist, kein Blatt vor den Mund.

Adeliger Bürger

Die Nummer zwei in der Thronfolge des Alevitenreiches veröffentlichte Artikel über ein "Modell für einen Staatsbürger in der arabischen Welt". In Interviews mit der marokkanischen und ausländischen Presse spricht Moulay Hicham sich immer wieder für eine Monarchie nach europäischem Vorbild aus. Der König solle dem Staat vorstehen und die gewählte Regierung die Geschäfte führen. "Keine unserer Institutionen, weder das Parlament noch die Parteien, ja nicht einmal die Monarchie selbst, haben sich ernsthaft an die Arbeit gemacht, um politische Strukturen aufzubauen, die unser Volk verdient", lautete das vernichtende Urteil Hichams am zweiten Jahrestag der Krönung seines Cousins Mohamed.

In einem offenen Abschiedsbrief an Innenminister Driss Jettou, der am Samstag in zwei unabhängigen marokkanischen Wochenzeitungen veröffentlicht wurde, beklagt sich Moulay Hicham über "ständige Polizeischikanen". Er sei abgehört und seine Frau regelmäßig am Telefon von anonymen Anrufern belästigt worden. Im November wurde sein Chauffeur vom Geheimdienst festgenommen und zu angeblichen Geheimkontakten Hichams mit hohen Militärs befragt. Und kurz darauf versuchte der Geheimdienst Hicham den Versand eines falschen Anthraxbriefes in die Schuhe zu schieben. "Hinter all dem steckt General Laanigri" - der wichtigste Militär Marokkos und ein enger Vertrauter des Königs.

"Kann man Prinz und Bürger zugleich sein?", fragt die Wochenzeitung Maroc-Hebdo. Die Regierungspresse wirft Moulay Hicham vor, selbst an der Macht teilhaben zu wollen und deshalb zu versuchen Marokko zu destabilisieren. Er gehöre zu denen, die "an den politisch-medialen Verzerrung" schuld seien, "unter denen unser Land seit zwei Jahren lebt", gab die Tageszeitung Aujourd'hui le Maroc dem unbeliebten Mitglied der königlichen Familie mit auf den Weg.

"Ich habe jahrelang auf die schwere politsche, soziale und kulturelle Krise hingewiesen, die das Königreich durchmacht", schreibt Moulay Hicham in seinem Abschiedsbrief. Einige Bereiche "des geschwächten Staates" seien in der Hand von "dunklen Kräften, die praktisch nicht zu kontrollieren sind". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2002)

Von STANDARD- Korrespondent Reiner Wandler
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    Moulay Hicham

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