Das Thema Folter bleibt aktuell

27. Jänner 2002, 20:19
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Paris: Schwierige Vergangenheitsbewältigung zum Algerienkrieg

So schnell wird sich Frankreich des Themas "Folter im Algerienkrieg" nicht entledigen. Nachdem ein Pariser Gericht die Rechtfertigung entsprechender Gräueltaten in Buchform am Freitag mit einer Geldstrafe belegt hatte, wollen zwei Verlage sowie der Autor Paul Aussaresses' Berufung einlegen. Dies kündigte der Anwalt des pensionierten Generals an: "Wir werden dafür kämpfen, die Geschichte so darstellen zu können, wie sie erlebt wurde." Menschenrechtsverbände und Pressekommentare begrüßten das Urteil. Die "christliche Aktion für die Abschaffung der Folter" (Acat) meinte, der eigentliche Prozess des Algerienkriegs müsse erst stattfinden.

Aussaresses war am vergangenen Freitag wegen Rechtfertigung der Folter im Algerienkrieg zur Zahlung von 7500 Euro verurteilt worden. In seinem Buch "Services spéciaux. Algérie 1955-1957" schildert der 83-jährige Offizier die Folterpraktiken der französischen Armee ausführlich und zynisch-kalt.

Die Publikation hatte in Frankreich hohe Wellen geschlagen. Der Gerichtsprozess gegen den Greis war indes kaum geeignet, einen Beitrag zur nationalen Vergangenheitsbewältigung zu leisten. Die Anklage beschränkte sich auf die "Rechtfertigung von Kriegsverbrechen", und der Buchautor wurde sonderbarerweise nur der "Beihilfe" beschuldigt. Die systematischen Folterungen standen nicht zur Debatte. Sie waren von Frankreich 1968 als "Kriegsverbrechen" mit einer allgemeinen Amnestie belegt worden.

Wie schwer sich Frankreich mit dem Algerienkrieg weiterhin tut, zeigte unlängst eine Parlamentsdebatte über die Einführung eines Gedenktages am 19. März für das Kriegsende 1962. Die Linke stimmte für das Gesetz, musste die endgültige Verabschiedung aber zumindest bis nach den Wahlen aufschieben; die Ratsrechte ist vehement gegen den Gedenktag.

Eine unerwartete Aktualität erhielt der Fall Aussaresses nach den Anschlägen des 11. September. Vor zwei Wochen gab der pensionierte General dem US-Sender CBS ein Interview zum Thema, wie er über die Anwendung der Folter gegen Gefolgsleute Bin Ladens denke. Was in der stets komplexen Beziehung Frankreich- USA nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Die Behandlung gefangener Taliban-Kämpfer durch die USA stößt nicht zuletzt in Paris auf massive Kritik. Dort heißt es, die Folterpraktiken der eigenen Armee seien in einem - überaus schmutzigen - Krieg angewendet worden. Jetzt aber herrsche kein Krieg mehr, und Washington verweigere zudem die Anwendung der Genfer Konventionen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2002)

Von STANDARD- Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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