Glaube, Liebe, Hoffnung

27. Jänner 2002, 19:32
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Das Ensemble Daedalus, das Baltimore Consort und Marco Beasley bei den "Resonanzen"

Der Tod war den Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts ein ständig präsenter Begleiter: Krankheiten und Kriege, Kriminalität und Armut bedrohten die leibliche Existenz in Permanenz, das Leben, es war so gefahr- wie mühevoll und auch meistens ziemlich schnell vorbei.

Der gemeine Mensch jener Zeit reagierte zwiegespalten auf derlei Ungemach: Während der eine sein Seelenheil in der Hinwendung zum Jenseitigen suchte (Glaube), trachtete der andere danach, die Zeit auf Erden möglichst lustvoll zu gestalten (Liebe). Über diese beiden zentralen Seinsmöglichkeiten hofften nun drei Konzerte der Resonanzen Aufschluss zu geben.

Orlando di Lasso war aufgeboten, den steinigen Weg der Gottesfurcht zu beleuchten. In seinen Lectiones Sacrae Novem erzählt er in klarer und doch radikaler Harmoniesprache von der Angst, der Wut und der tiefen Verzweiflung Hiobs: "Meine Seele ekelt sich vor meinem Leben, ich will meiner Rede gegen mich freien Lauf lassen." Ein atmendes, dynamisches Klangbild zeich- nete das Ensemble Daedalus unter der Leitung Roberto Festas aus; während des Konzertes wünschte man sich jedoch wiederholt die unendlichen Klangweiten eines gotischen Gotteshauses herbei, sie hätten den Werken des Meis- ters wohl noch deutlich mehr Sinnlichkeit zugetragen.

"Mein Ding gehört mir, ich lass' keinen ran", sang Custer LaRue einige Tage später: Richtig, wir sind jetzt bei den diesseitszentrierten Musiken der Renaissance- und Barockzeit angelangt. Mit nett quakiger Mädchenstimme bot die Britin "anrüchige und heitere Liebesballaden" aus dem England des 17. Jahrhunderts dar, vom Baltimore Consort mit subtilem Esprit unterstützt. Das Publikum zeigte sich zu Recht euphorisiert.

Abends darauf war regelrechtes Saturday-Night-Fever angesagt bei den Resonanzen, aber hallo: Marco Beasley, der Hanussen des Barockgesangs, gastierte im Konzerthaus. Der Italiener durchlebte die dargebotenen Arien von Monteverdi, Frescobaldi & Co auf unnachahmliche Art und Weise, wanderte auf der Bühne hin und her, immer in Augenkontakt mit seinem Publikum. Schade nur, dass seine gesangliche Leistungen den schauspielerischen kaum gerecht wurden.

(DER STANDARD Printausgabe vom 28.1.2002)

Von
Stefan Ender

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