Doing good, doing well

26. Jänner 2002, 13:58
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Die Varianten des amerikanischen Traums

Steht Amerika an einer Wende zu einem "humaneren Kapitalismus"? Der Soziologe Paul Ray und die Psychologin Sherry Ruth Anderson diagnostizieren die Existenz einer in ihrer Bedeutung bisher nicht erkannten Bevölkerungsschicht in den USA. Umfragen und Tiefeninterviews, sagen sie, machen das Anwachsen einer neuen Kultur neben den traditionellen und mainstream-modernen Strömungen deutlich: Die "Cultural Creatives" (CCs) sind den Berechnungen des Forscherpaares zufolge an die 50 Millionen stark.

Als kulturell kreativ wird in dem Buch der Sozialforscher eine Schicht bezeichnet, die sich vor allem durch ein alternatives Wertesystem auszeichnet. Wichtig ist ihr Ökologie ebenso wie Spiritualität, Minderheitenpolitik und eine Kritik an den großen Unternehmen, Misstrauen gegenüber dem amerikanischen Traum und eine Bevorzugung kleiner, nachbarschaftlicher Einheiten. Im einzelnen hat man von allen diesen dissidenten bis "radikalen" Strömungen schon gehört. Ray und Anderson sehen in ihnen aber etwas Neues: die erste kohärente Bewegung gegen das etablierte Amerika seit der Zwischenkriegszeit. Sie sind nicht identisch mit den Baby-Boomers, sondern kommen aus allen Altersgruppen; sie sind zu fast zwei Dritteln Frauen; sie wollen auch keine New-Agers sein und sind nicht in Kalifornien konzentriert - wiewohl der Boden dort besonders fruchtbar sein dürfte; die Autoren müssen es wissen, sie leben dort.

Was die Studie über die CCs für engagierte Unternehmer wie Ben Cohen besonders interessant macht, ist ihre Erkenntnis, dass hier ein schlafender Riese liegt: Immer wieder fanden die Autoren, dass Vertreter der CC-Werte sich mit fünf, höchstens zehn Prozent der Bevölkerung im Einvernehmen sahen. Das sei auf ihre Vernachlässigung in den Medien zurückzuführen, die nur das oberflächlichste Bild der Gesellschaft widerspiegeln. Werte hingegen sitzen tief - und fest. (Auch der 11. September hat vermutlich wenig an der kritischen Haltung der CCs geändert.)

Attraktiv und auf ihre Weise uramerikanisch ist die Zuversicht, mit der die Autoren die Zukunft der CCs und damit des Landes einschätzen (bzw. der ganzen Welt, wie der Untertitel des Buches nahe legt): die neue Formel zum Erfolg lautet ihnen zufolge, dass die Kreativen das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden wüssten: Gutes tun und es sich dabei selbst gut gehen lassen.

Doing well while doing good" ist auch das Motto, welches das Buch von Craig Hall begleitet. Es ist eine Studie über "verantwortungsvolles Unternehmertum", über eine Haltung und Praxis, die sich nicht in die landläufigen Ansichten über erfolgreiche Karrieren - dass sie auf Eigennutz und Ellbogen beruhen - einordnen lassen:. Vielmehr gehe es darum, den eigenen Erfolg dazu einzusetzen, auch andere am "amerikanischen Traum" teilhaben zu lassen. Zu viele, sagt der Autor, seien von ihm noch ausgeschlossen, in den USA ebenso wie in vielen Teilen der Welt.

Der Immobilien- und Finanzunternehmer Hall bezieht sich insbesondere auf die Länder Osteuropas, die er als Mann der amerikanischen Botschafterin in Wien von 1997 bis 2001 näher kennen lernte. Er sei dort, schreibt er, immer wieder unternehmerischen Menschen begegnet, die weder sich mit politischen Hindernissen abfinden noch mit raffgierigen Bereicherungsstrategien weiterkommen wollten. Zu den zehn exemplarischen Karrieren, die er vorstellt, zählt die Geschichte des geflüchteten Ungarn Gerry Hargitai, der seine Geschäftsphilosophie nach Ungarn reimportiert hat. Auch ein österreichisches Beispiel illustriert Halls Argument, dass einem unternehmerischen Geist keine Grenzen gesetzt sind: die Initiative "Bauern helfen Bauern" der Salzburgerin Doraja Eberle (www.bhb.sbg.at).

Weitere verantwortungsvolle UnternehmerInnen fand Craig Hall unter Schwarzen wie Weißen, Jungen wie Alten: Gemeinsam sei ihnen der Wunsch, andere von ihrem Erfolg mit profitieren zu lassen und der Menschheit oder zumindest dem Bezirk, in dem das Unternehmen beheimatet ist, zu dienen.

Seinen eigenen Lebenslauf stellt Hall ebenfalls vor und dem Buch voran. In durchaus selbstironischem Ton schildert er den Aufstieg eines 90-Pfund-Schwächlings zum zeitweise größten Immobilientycoon des Landes, die gewaltigen Nöte, in die sein Unternehmen geriet, und die Kräfte, die ihn einen neuen Anlauf nehmen ließen. Es sind dies die Kräfte, die Senator Tom Daschle im Vorwort lobt: der Glaube daran, dass Erfolg immer möglich und wünschenswert ist; und das Verantwortungsgefühl, das damit einhergeht. Der Demokrat Daschle vertritt, ähnlich wie Hall, die liberale Variante der amerikanischen Unternehmensideologie. Die Frage bleibt, wie viele entrepreneurs sich tatsächlich so einer verantwortungsbewussten Praxis befleißigen. (mf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 1. 2002)

Paul H. Ray & Sherry Ruth Anderson, The Cultural Creatives. How 50 Million People Are Changing the World.

$ 25/ yy/370 Seiten, Harmony, New York 2000.

Cultural Creatives

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Craig Hall, The Responsible Entrepreneur. How to Make Money and Make a Difference.

$ 24,99/ yy/285 Seiten. Career Press, Franklin Lakes NJ 2001.

Hall Financial Group
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