Kriegsbeute im Käfig auf Kuba

26. Jänner 2002, 13:49
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Das Vorführen von Kriegsgefangenen war schon immer ein Ausweis des Erfolges gewesen

Warum braucht eine Gesellschaft Kriegsgefangene?
Overmans: Die Gesellschaft braucht Kriegsgefangene als Zeichen des Triumphs und will sie zeigen. So wie die römischen Imperatoren nach einem siegreichen Feldzug ihren Triumphzug durch Rom machten. Das hat es auch noch im Zweiten Weltkrieg gegeben. Das Vorführen von Kriegsgefangenen war immer ein Ausweis des Erfolges gewesen, und es dürfte nun auch für die USA wichtig sein, vorzeigbare Schuldige zu haben.

Den Taliban- und Al-Qa'ida-Gefangenen in Guantanamo haben die amerikanischen Bewacher die Bärte abrasiert. In Europa sind muslimische Kriegsgefangene vor allem während der Türkenkriege am Ende des 17. Jahrhunderts im großen Stil getauft worden. Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen den so genannten "Türkentaufen" und Guantanamo?
Overmans: Das lässt sich nicht vergleichen, und zwar, weil sich auch die heutigen politischen Systeme in Europa nicht mit denen der frühen Neuzeit vergleichen lassen. Man muss einen großen Einschnitt machen mit der Aufklärung und der Französischen Revolution. Davor hieß die Formel "christliches Abendland gegen die Ungläubigen", und deshalb zählten damals Regeln, die innerhalb des christlichen Abendlandes galten, grundsätzlich nicht. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, aber letztlich muss man diese Taufen als eine Art positive Situation sehen: Die muslimischen Gefangenen wurden mit der Taufe Christen, und damit durfte man ihnen nichts mehr tun. Ein sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg hätte zehnmal erklären können, dass er gern Deutscher werden würde - seine deutschen Bewacher hätte das nicht interessiert.

Den Bart abnehmen ist also kein Akt der Demütigung?
Overmans: Richtig ist, im Zweiten Weltkrieg war es auf Seiten der Amerikaner nicht üblich, den Kriegsgefangenen die Haare zu scheren. Doch geschoren zu werden ist nicht notwendigerweise ein Akt der Demütigung. Das hängt von der jeweiligen Situation ab. Es war oft und zu Recht eine Frage der Hygiene, etwa bei den Kriegsgefangenen in der Sowjetunion oder im Deutschen Reich. Fälle bewusster Demütigungen hat es aber auch in Europa gegeben, etwa im Umgang mit Kollaborateuren in Frankreich, den Frauen, denen man die Haare scherte.

In der Antike galt für den Kriegsgefangenen "vae victis" - wehe, den Besiegten. Was ist von dieser Rolle geblieben?
Overmans: In der Antike war ein Kriegsgefangener ein Wirtschaftsgut, das der Feldherr, der Staat, die einzelnen Soldaten sich teilten, und in aller Regel wurden diese Kriegsgefangenen versklavt. Im Mittelalter wurde der Kriegsgefangene zur Geisel desjenigen, der ihn gefangen genommen hatte und Lösegeld forderte - aber das betraf nur die hochgestellten ritterlichen Kriegsgefangenen, das Gefolge ließ man laufen oder machte es nieder. Ebenso wie Landsknechte einen Ritter, den sie gefangen genommen hatten, in aller Regel umbrachten. Die hatten ja nichts davon. In der frühen Neuzeit, als die stehenden Heere aufkamen, waren Kriegsgefangene eigentlich nur lästig. Man musste sie unterhalten, Löhne zahlen. Außerdem standen sie ständig in Gefahr, von der anderen Seite abgeworben zu werden. Das führte dazu, dass man Gefangene noch auf dem Schlachtfeld oder innerhalb von Tagen austauschte.

Johann der Gute oder Heinrich der Löwe waren dem gegenüber als Langzeitgefangene prominenter. Welche psychologische Wirkung haben Kriegsgefangene in einer Siegergesellschaft?
Overmans: Ich würde im Zusammenhang mit dem Mittelalter nicht von einer Siegergesellschaft sprechen. Gesellschaftliches Bewusstsein gab es erst viel später. Leute wie Heinrich der Löwe waren private Gefangene, mit denen man Geschäfte machte. Das ändert sich - einmal mehr - alles mit der Französischen Revolution. Ein Kriegsgefangener wird als Bürger oder Vertreter eines Staates gesehen. Das bedeutet aber auch, dass er für diesen Staat haftet.

Das wäre also eine Errungenschaft des Nationalstaats.
Overmans: Natürlich. In der frühen Neuzeit wäre auch niemand auf die Idee gekommen, Kriegsgefangene willentlich umzubringen. Denn die Gefangenen waren gedrilltes Personal, das heute für den und morgen für einen anderen kämpfte. Die Ziele des jeweiligen Königs hat man nicht mit den Leuten assoziiert. Heute ist das anders. Ein englischer Kriegsgefangener, ein englischer Soldat ist ein Engländer. Die Heimat legt plötzlich Wert auf den Kriegsgefangen, gleichzeitig muss er für sie büßen. Und schließlich: Erst seit der Aufklärung denkt man über den rationalen Einsatz von Kriegsgefangenen nach. Kriegsgefangene sollen arbeiten, ohne sie war zum Beispiel die deutsche Kriegswirtschaft im Ersten und Zweiten Weltkrieg gar nicht funktionsfähig. (DER STANDARD, Album, Print-Ausgabe, 26./27.1.2002)

Die Internierung von Al-Qa'ida-Kämpfern hat weltweit Kritik ausgelöst. Doch der rationale Einsatz von Kriegsgefangenen ist eine Idee der Nationalstaaten, meint der Historiker Rüdiger Overmans.

Von Markus Bernath

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