"Das kann nicht wahr sein ..."

25. Jänner 2002, 21:02
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Das kann nicht wahr sein, ist es aber wohl doch. Das muss man sich vor dem geistigen Auge vorstellen: Papst Pius XII. betet dreimal, im Herbst 1939, im Sommer 1940 und nochmals im Herbst 1942 in einer Kammer vor dem Bild Hitlers und versucht, dem Massenmörder den Teufel auszutreiben: "Herr, unser Gott, wir rufen dich an für deinen Diener Adolf Hitler. Wir bitten dich, verjage und zwinge zur Flucht alle teuflische Macht, jede Verschmutzung durch den Satan."

Der jeweilige Zeitpunkt verrät das Ausmaß der Verzweiflung des Papstes: Im Herbst 1939 begann Hitler den Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen, im Sommer 1940 triumphierte er über Frankreich, und im Herbst 1942 stand die Wehrmacht tief in der Sowjetunion - und erreichte die "Endlösung der Judenfrage" ihren ersten Höhepunkt.

Papst Pius XII. wusste davon - und wagte keine öffentliche Verurteilung Hitlers (ebenso wie die alliierten Regierungen davon wussten, in ihrer öffentlichen Reaktion aber der Ungeheuerlichkeit des Geschehens nicht gerecht wurden).

Dass der Papst in seiner Ratlosigkeit allen Ernstes den Satan aus Hitler treiben wollte, eröffnet den Blick in ein Denken, das fassungslos macht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 1. 2002)

Die Kolumne von RAU
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