Quoten mit Quanten

25. Jänner 2002, 20:45
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Wissenschaftsjournalismus wird immer publikumsnäher - Rudolf Taschner nennt drei Gründe, warum dies nicht nur zu begrüßen ist

Vor knapp 40 Jahren gründete der deutsch-amerikanische Gelehrte Heinz Haber die Zeitschrift Bild der Wissenschaft. Dies war im deutschsprachigen Raum der erste gelungene Versuch, unter dem Slogan "Öffentliche Wissenschaft" eine dauerhafte Verbindung zwischen Laien und Forschern zu knüpfen. Haber erwies sich für diese Pioniertat als idealer Initiator: von seiner Ausbildung Astronom und Physiker mit profunden Kenntnissen in der damals noch jungen Weltraumfahrt und mit besonderen Interessen für Weltraummedizin und Geophysik, lernte er in den Disney-Studios, wie die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in eine sogar für Kinder verständliche Sprache gelingt.

Wer heute die ersten Exemplare von Bild der Wissenschaft mit den gegenwärtigen Ausgaben vergleicht, erkennt, wie sehr sich seither die journalistische Aufbereitung von Wissenschaft geändert hat: nicht nur im Inhalt, auch in der Aufmachung herrschte damals noble Zurückhaltung vor, bemühte man sich um Seriosität. Heute geht es scheinbar nicht mehr ohne marktschreierische Ankündigungen von vermeintlichen Knüllern der Forschung, nicht mehr ohne poppige Bilder, die von der Mühe erlösen, einen Text zu lesen.

Es ist natürlich müßig und zugleich larmoyant, das Abdriften der "Öffentlichen Wissenschaft" des Heinz Haber zum Boulevard zu beklagen. Immerhin lernten Wissenschaftsjournalisten, stellvertretend für ihre Leser Finger auf wunde Punkte der Forschung zu legen, und sie sind Gott sei Dank weit davon entfernt, das aus dem Munde des Experten kommende Urteil wie ein Dogma demütig zur Kenntnis zu bringen. Wenn dafür der Preis eines reißerischen Stils zu bezahlen ist, mag dies angehen.

Trotzdem ist es angezeigt, Argumente, welche gegen die allzu intensive Verknüpfung von Wissenschaft mit Journalismus sprechen, zu erwägen. Drei seien genannt:

Erstens die Gefahr, dass der Wissenschaftsjournalist das oben erwähnte kritische Nachfragen vernachlässigt und statt dessen in die Falle der lärmenden Werbewirtschaft gerät, die mit der trendigen Forschung verkoppelt ist. Dafür nimmt er allzu leicht Verfälschungen und unzulässige Vereinfachungen in Kauf.

Diesen Fehler einer Verengung des Denkens durch den Reklamerummel spürt man zum Beispiel bei dem mit schon obstinat gewordenem Getöse vorgetragenen Thema Gentechnik und Klonen, aber auch bei den jüngst in den Wissenschaftsseiten mit großem Pomp verkündeten Behauptungen der Informatiker und Gehirnforscher, dem Phänomen des Bewusstseins auf der Spur zu sein und den Geist entschlüsseln zu können. Die meisten Informatiker und Gehirnforscher, welche von "Bewusstsein" und "Geist" reden, haben keine Idee von der philosophischen Tiefe jener Begriffe haben, die sie im Mund führen.

Zweitens die Gefahr, die Bedeutung wissenschaftlicher Einsichten nicht einschätzen zu können. Ein kürzliches Beispiel: Vor dem Experimentalphysiker Anton Zeilinger, so schrieb ein Journalist, sei Quantenphysik ein esoterisches Fach gewesen, das nur wenige vertrackte Gelehrte interessierte. Mehr Unsinn in einen einzigem Satz ist kaum möglich. Die Zahl der Anwendungen der Quantentheorie - auch katastrophaler Anwendungen wie der Atom- und Wasserstoffbomben - war schon seit Jahrzehnten Legion. Seit ihrer Entdeckung wussten alle Physiker, daß sie die zentrale Theorie darstellt, Materie zu verstehen.

Der journalistischen Botschaft aber ist solche Ernüchterung abträglich: damit verkümmert die Schlagzeile zur Fußnote. Und wenn man vom Axiom ausgeht, das lesende Publikum verlange von der Wissenschaft den Ersatz eines Evangeliums, womöglich täglich neu gedruckt, scheut man Desillusionierungen und verwandelt braves Mittelmaß zum Geniestreich.

Drittens die Gefahr, Wissenschaft mit dem Nimbus einer unangemessenen Ästhetik zu verbrämen. Dahinein schlitterte sogar vor einigen Monaten ein in der "Weltwoche" erschienener Bericht über die Rekonstruktion des antiken Troja. "So könnte Homer Troja gesehen haben", stand unter einer, natürlich von Computern generierten, phantasievollen, bunten Illustration einer Straßenszene. Homer aber war - wenn man der Legende trauen darf - blind. Selbst wenn er vor dem historischen Troja gestanden sein sollte, er sah nichts. Oder vielmehr: er sah Troja ganz anders, als wir es unseren armen Augen von einem stupiden Computerprogramm vorgaukeln lassen. Der blinde Dichter sah Troja so intensiv, daß uns seine Schilderung über Jahrhunderte erreicht, während das Computerbild, wäre nicht extra "Troja" als Hinweis angebracht, keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockte.

Dies ist im Grund ein amüsantes Beispiel, kaum ein schwerwiegender Lapsus. Allerdings gibt es manifeste Beispiele dafür, dass Wissenschaftsjournalismus vom Trug einer fatalen Ästhetik getäuscht wird. Eines der übelsten Beispiele hierfür sind die Fernsehserien des auf Geschichte spezialisierten Journalisten Guido Knopp, die vorgeben, neueste historische Erkenntnisse über die Hitlerei zu vermitteln. Klar, dass hier im theatralisch gespielten Gestus der Betroffenheit über die Schrecken des Dritten Reichs bis ins kleinste Detail berichtet wird. Sachlich sicher korrekt. Aber die Aufmachung ist von derart penetranter Perfektion, dass Leni Riefenstahls Werbefilme für Hitler neben den Machwerken Knopps verblassen.

Statt aufklärend zu wirken, verzaubern sie die Nazizeit zum Mythos. Und mit dem Vorwand, Forschungsleistungen der Historiker einem breiten Publikum zu vermitteln, gelingt Knopp das Kunststück, Kassenschlager zu produzieren und als seriösen Wissenschaftsjournalismus zu verkaufen. Denn, so schrieb kürzlich Rudolf Burger, "die TV-Konserven von dem Zeug werden sogar als Weihnachtsgeschenk empfohlen, für die politisch korrekte Familie, die sonst schon alles hat, nur von dem geilen Thema noch nicht genug".

Es stimmt: der Wissenschaftsjournalist ist seinen Lesern verpflichtet. Leser wollen unterhalten, vielleicht sogar verzaubert werden. Nichts jedoch ist ekelhafter als die Produktion von faulem Zauber. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Weder die Berufung auf den Forschungstrend, noch den Bedarf nach Sensation, schon gar nicht die Verbrämung des Banalen oder des Abstoßenden mit dem Glanz des Schönen. All dies ist Betrug, der leider nirgends so schwer zu ahnden ist wie im Wissenschaftsjournalismus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 1. 2002)

Der Autor ist Mathematikprofessor an der TU Wien und betreibt das Projekt math.space im Museumsquartier.
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