Säuger vor T-Rex & Co

25. Jänner 2002, 20:30
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Die BBC-Doku "Erben der Saurier" lässt grüßen - doch noch viel ältere Ursäuger leben noch immer unter uns

Als das erste Präparat des im Jahr 1797 im Gebiet einer britischen Strafkolonie in Neusüdwales entdeckten Schnabeltieres in London eintraf, wurde es von den Zoologen für eine Fälschung gehalten: Ein pelziges Säugetier mit Schwimmhäuten und einem Entenschnabel - das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Mit einer Schere versuchte man, den Schnabel, den man für angenäht hielt, vom Kopffell abzutrennen - noch heute sind die Schnittspuren zu sehen.

Ein weit größeres Geheimnis des seltsamen Australiers blieb noch fast ein Jahrhundert länger verborgen: Erst 1884 entdeckte man, dass das Schnabeltier keine Jungen zur Welt bringt, sondern Eier legt. Damit ist es gemeinsam mit dem Ameisenigel das stammesgeschichtlich älteste noch existierende Säugetier. Schnabeltiere und Ameisenigel sind "Kloakentiere", das heißt sie verfügen wie Reptilien und Vögel nur über eine einzige Öffnung am Körperende, über die Kot und Harn und Geschlechtsprodukte ausgeschieden werden.

Und sie legen Eier, aus denen winzige, extrem unterentwickelte Junge schlüpfen, die mit Muttermilch ernährt werden. Das Ameisenigel-Weibchen legt drei bis vier Wochen nach der Paarung, nachdem es sich eine Bruthöhle gegraben hat, das einzige 13 bis 17 Millimeter große Ei. Nur selten werden zwei produziert. Ausgebrütet wird es in einer Tasche auf dem Bauch des Muttertieres.

Rosa Milch

Nach rund zehn Tagen "schlüpft" das Junge, es besitzt wie Reptilien- und Vogelschlüpflinge einen Eizahn, um die Schale des ledrigen Eies aufbrechen zu können. Der Schlüpfling ist nur rund 13 bis 15 Millimeter lang und wiegt nicht einmal ein halbes Gramm. Kloakentiere besitzen keine Zitzen. Die extrem nahrhafte Milch tritt an bestimmten Hautarealen aus.

Ameisenigel-Milch ist rosafarben. Sie enthält extrem viel Eisen, wahrscheinlich weil die Leber der Winzlinge zu klein ist, um das für die Blutbildung nötige Eisen zu speichern. Fast sieben Monate wird ein Ameisenigel von seiner Mutter gesäugt, mit spätestens acht Monaten verlässt er die Bruthöhle.

Auch das Schnabeltier gibt noch viele ungelöste Rätsel auf: Es kann wahrscheinlich mit dem Schnabel die elektrischen Felder seiner Beute, Insekten und andere Wirbellose, im Schlamm wahrnehmen - auch beim Ameisenigel finden sich Elektrosensoren in der verlängerten Schnauze. Schnabeltier-Männchen besitzen an den Hinterfüßen eine mit Gift gefüllte Kralle, deren Funktion noch ungeklärt ist. Das Ei des Schnabeltieres entspricht in der Größe dem des Ameisenigels. Allerdings werden meist zwei oder drei gelegt, die einfach auf der Bauchdecke liegen. Das Muttertier rollt sich wie zum Schlafen ein und wärmt sie.

Schnabeltier und Ameisenigel sind die urtümlichsten noch existierenden Säugetiere. Mit ihren Vorfahren, den Reptilien, verbindet sie auch eine Besonderheit des Erbguts: Auch bei ihnen gibt es extrem große und sehr kleine Chromosomen.

Eierlegende Säuger entstanden vor rund 220 Millionen Jahren, zu jener Zeit also, als die Dinosaurier erst daran gingen, die Welt zu erobern. Lange vor Tyrannosaurus Rex haben die kleinen Säuger still und unspektakulär im Windschatten der Echsen die Stürme der Zeiten durchschifft. Rund 100 Millionen Jahre später tauchten dann die Beuteltiere auf, und zeitgleich mit ihnen auch schon die Insektenfresser, die es nicht nur in Australien gibt. Igel, Maulwürfe und Spitzmäuse sind vertraute Vertreter jener Tiergruppe, die das große Sauriersterben überlebt hat. Heute macht ihnen eine andere "Naturkatastrophe" das Leben schwer - der Mensch. Maulwürfe und Spitzmäuse werden aktiv verfolgt, Igel kommen auf den Straßen ums Leben. Durch Insektizide wird die Nahrung vergiftet, ihr Lebensraum wird zerstört.

Auch den Uralten im australischen Raum hat der Mensch schon zugesetzt: Flora und Fauna keines Kontinents wurde so verfälscht wie die Australiens, und das bekamen auch die Schnabeltiere und Ameisenigel zu spüren. Es bleibt zu hoffen, dass sie nicht verschwinden, bevor wir ihre Geheimnisse wenigstens einigermaßen erforschen konnten. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 26./27. 1. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Andrea Dee
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