Radlsteuer im Gleichmutsstau

25. Jänner 2002, 23:00
1 Posting

Zum Bild des modernen China gehört auch stetig wachsender Autoverkehr

Dennoch bleiben im "Königreich des Fahrrads" Millionen von Drahteseln für die auch - zum Ärger der Umweltschützer - Steuern zu zahlen sind. Allerdings drücken sich die Chinesen mit dem ihnen typischen Gleichmut um diese Abgaben.

128 Jahre, nachdem ab 1874 das Fahrrad - einst "Jiaotache" genannt, der Wagen, der mit Füßen angetreten wird - von Schanghai aus das Reich der Mitte eroberte, hält China drei Weltrekorde: Keine Nation zählt so viele Räder, nämlich 600 Millionen. Kein anderes Land erlaubt seinen Radlern, ohne Vorder- und Rücklichter zu fahren. Und kein anderer Staat verlangt seit 1950 seinen Bürgern für ihre umweltfreundliche Fortbewegung Steuern ab.

Soll das bald alles Vergangenheit sein? "China nimmt Abschied vom Zeitalter des Fahrrades", stellte nüchtern die nationale Umweltzeitung in ihrer dem Ende des Drahtesels gewidmeten Ausgabe fest.

Vom Auto verdrängt

Überall verdrängen Autofahrer die Radler. In Peking verstopfen 1,7 Millionen Wagen die Straßen, in Kanton und Schanghai mehr als eine halbe Million. Im Jahr 2010, lautet die Vorhersage, werden 20 Millionen Pkw auf Chinas Straßen rollen. "Das Königreich des Fahrrads, ein Titel, auf den wir einst so stolz waren, wankt in den Grundfesten", lautet die Analyse in der Umweltzeitung.

Das Fahrrad mag auf dem Altar des Autozeitalters geopfert werden, aber solange auch nur ein Exemplar noch fährt, wird versteuert, befanden jetzt Pekings Amtsvertreter. Voriges Jahr setzten sie die nicht mehr zeitgemäße Lokalsteuer aus. Das würde jetzt nachgeholt, erfuhren die Hauptstädter aus ihrer Tageszeitung.

Die Summe macht's

Ab Frühjahr sollen sie laut Dekret Nr. 166 gleich für zwei Jahre, 2001 und 2002, zahlen. Zwar sind die umgerechnet etwas mehr als ein Euro (etwa 14 Schilling) Steuern nicht hoch. Bei zehn Millionen Rädern in der 13 Millionen Einwohner zählenden Stadt Peking, von denen viele nur noch zu Sport- oder Einkaufszwecken genutzt werden, läppert sich aber ein schönes Sümmchen zusammen, genau wie in Schanghai. Dort gibt es noch 6,5 Millionen Räder.

Die sich abseits der Blechlawinen abstrampelnden und im Autodunst hustenden Untertanen wehren sich auf ihre Weise. Sie zahlen nicht. Aufrufe im Jahr 2000 halfen so wenig wie Fernsehspots. Gezeigt wurde ein Steuersünder. Steuern zahlen? Wo denn? Außerdem habe er das Kleingeld nicht passend. Es gebe 490 Zahlstellen in Peking, belehrte ihn das lokale TV. Mobile Verkäufer hielten zudem an den Kreuzungen die Jahresplaketten feil.

Steuerpause

Die Stadtbürger kurvten ele-gant an solch legistischen Ver-kehrshindernissen vorbei. Pekings Ämter legten daraufhin im Jahr 2001 eine Steuerpause zum Nachdenken über die schlechte Zahlungsmoral ein. Als 1991 die in der Kulturrevolution abgeschaffte Fahrradsteuer wieder eingeführt wurde, hatten die 6,1 Millionen Fahrradbesitzer noch alle ihre Steuern gezahlt. 1995 waren es 5,1 Millionen und im Jahr 2000 3,8 Millionen, also nur jeder Dritte in Peking.

Dass so viele Bürger im Jahr 2000 nicht zahlten, hat indes auch handfeste Gründe. Heutzutage gebe es nicht nur immer mehr Autos, sondern auch immer mehr Fahrraddiebe, klagte ein Bürger der Pekinger Abendzeitung. Ihm seien drei Räder (samt Steuerplakette) gestohlen worden. "Warum soll ich immer von neuem Steuern zahlen?" (DER STANDARD, Printausgabe 26./27.01.2002)

STANDARD-Korrespondent Johnny Erling aus Peking
Share if you care.